Home | Pfarrverband Feichten | „Laudato si“ – Predigt zur Bauernwallfahrt 2016 (M. Witti)

„Laudato si“ – Predigt zur Bauernwallfahrt 2016 (M. Witti)

Bauernwallfahrt, 13.3.16, 34Die große Wallfahrt der Bauern nach Altötting am 13. März 2016 blickte auf Papst Franziskus und seine bahnbrechende Enzyklika „Laudato si“. Pfarrer Michael Witti erläuterte wichtige Thesen des Papstes für eine ökologische und soziale Wende der Menschheit, die sich auch konkret auf die Situation der Bauern hin betrachten ließ. Im folgenden die Predigt im Wortlaut:

Bauernwallfahrt, Astner Singkreis, 13.3.16, 13Meine Lieben,

was haben sie heute auf den Tag genau vor drei Jahren getan? Das mag auf den ersten Blick eine seltsame Frage sein. Aber mit ein wenig Hilfestellung erinnern sich sicherlich viele noch sehr genau an den Abend des 13. März 2013. Ich hatte in der Kirche ein Treffen mit Erstkommunioneltern, denen ich einen sehr kindgerechten Weg zur Erstbeichte vorgestellt hatte. Als ich noch mit ein paar Müttern in der Kirche geredet habe, klingelte mein Handy. Unser Gemeindeassistent war dran. Mit leicht vorwurfsvollem Unterton in der Stimme meint ich: „Was gibt’s denn? Du weißt doch, dass ich mit den Eltern in der Kirche bin…“ Daraufhin er nur kurz: „Weißer Rauch steigt auf! Du musst den Fernseher einschalten! Wir haben einen Papst…“ Schlagartig eilten alle nachhause. Ich schaltete die Kirchenglocken ein, die die Wahl des neuen Papstes verkünden sollten und wartete gespannt vor dem Fernseher. Die Tür hinter der großen Loggia des Petersdomes öffnete sich. Der Kardinalprotodiakon verkündete: „Habemus papam!“ Und es folgte ein für mich völlig nichtssagender Name: Jorge Mario Bergoglio

Und er fuhr mit der alten lateinischen Formel fort: „…qui sibi nomen imposui Franciscum.“ – „…welcher sich den Namen Franziskus gegeben hat.“ Ich war verblüfft. Allein schon der Name spricht ja Bände. Das ging mir nicht in den Kopf. Und da trat er heraus auf die Loggia. Meine Verblüffung wuchs noch: Kein Spitzenchorrock, keine purpurne Mozetta, kein Hermelin, nicht einmal die Stola hatte er umgelegt. In seiner weißen Soutane winkte er den Menschen zu und begrüßte sie mit einem schlichten „Buona Sera“ – „Guten Abend“. Bevor er die Menschen segnete, bat er sie um ihr Gebet und verneigte sich schweigend. Ich dachte mir nur im Stillen: „Hier beginnt etwas ganz Neues…“

Bauernwallfahrt, Pfr. Witti, 13.3.16, 14Ähnlich wird es wohl vielen von uns hier gegangen sein, wenn wir an jenen Abend heute vor drei Jahren zurückdenken. Mit Franziskus schien wirklich vieles neu zu beginnen, auch wenn er in der großen Theologie seinen Vorgängern immer nahe stand. Aber er brachte von seiner eigenen Lebenserfahrung her ganz neue Perspektiven ins Zentrum unserer Kirche. Er lenkte nicht nur in großen Worten den Blick auf die Ränder unserer Gesellschaft. Er ging von Anfang an auch selber dorthin. Seine erste Reise führte ihn nach Lampedusa. Das war mehr als nur eine Geste, wenn man bedenkt, wie sehr Europa mit Blick auf die Flüchtlingsfrage, die dort einen Brennpunkt hat, bis heute versagt. Die Gründonnerstagsliturgie feierte Franziskus nicht der Tradition folgend im Lateran, sondern im Gefängnis, wo er vor Häftlingen in die Knie ging und ihnen die Füße wusch.

Franziskus stellte so in Wort und Tat die soziale Frage vor aller Welt ganz neu. Zur Verwunderung vieler verknüpfte er diese soziale Frage immer mehr auch mit der Frage nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Ökologie. In bisher nie dagewesener Weise fasste Franziskus seine Gedanken zu diesen großen Zukunftsfragen dieser Welt zusammen in seiner Enzyklika „Laudato si – über die Sorge für das gemeinsame Haus“, die er am 24. Mai letzten Jahres veröffentlicht hat. Seither begleitet mich dieses Schreiben. Immer wieder nehme ich es zur Hand und lerne daraus. Franziskus Worte bewegen mich, etwa wenn ich bei einer Beerdigung am offenen Grab Erde auf den Sarg werfe und dabei sage: „Von der Erde bist du genommen und zur Erde kehrst du zurück…“ – Da geht es nicht nur darum, mir meine eigene Vergänglichkeit vor Augen zu halten. Ich und Du, wir alle hier, wir sind Teil dieser Erde, sind unweigerlich und unausweichlich mit dem Schicksal dieses blauen Planeten existentiell verbunden. Franziskus redete – gleich den indigenen Völkern des südlichen Amerika – hier auch von er „Mutter Erde“, wenn er seine Enzyklika mit den Worten beginnt:

Bauernwallfahrt, Astner Singkreis, 13.3.16, 12„‚Laudato si‘, mi‘ Signore – Gelobt seist du, mein Herr‘, sang der heilige Franziskus von Assisi. In diesem schönen Lobgesang erinnerte er uns daran, dass unser gemeinsames Haus wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt.“

Er sagt aber auch klar, dass diese unsere „Mutter Erde“ Achtsamkeit und Fürsorge braucht, weil sie Gewalt leidet, Gewalt im Blick auf die Natur, die der Schöpfer uns geschenkt hat, und Gewalt im Blick auf die Menschen, deren Lebensgrundlage durch Unrecht und Ausbeutung zerstört wird. Es gibt für Franziskus keine Fortschritte in der Ökologie, ohne Korrekturen in der Ökonomie, ohne wirkliche Anstrengungen für das soziale Wohl aller Menschen.

Aus Sorge um die Zukunft des Planeten Erde und um das Leben der Armen und der zukünftigen Generationen entwirft der Papst die Vision einer ganzheitlichen Ökologie, die davon ausgeht, dass letztlich alles miteinander verbunden ist. Die Krise des Planeten könnte eine Sternstunde sein, wenn sie den Menschen dazu verhilft, sich selbst wieder als Teil dieser Schöpfung zu verstehen und dementsprechend achtsam und nachhaltig zu leben.

Die Tugenden der „Genügsamkeit“ und der „Demut“ hält Franziskus einer Welt entgegen, die den schrankenlosen Konsum und das nie endende Wachstum vergöttert, auch wenn daraus für Millionen von Menschen die Hölle auf Erden entsteht, auch wenn die Zukunft dieses Planeten dadurch auf dem Spiel stehen sollte.

Bauernwallfahrt, Pfr. Witti, 13.3.16, 15Im Blick auf diese Wallfahrt der Bauern möchte ich einen Gedanken aus der Enzyklika näher betrachten. Franziskus schreibt:

„Wir sind nicht Gott. Die Erde war schon vor uns da und ist und gegeben worden… Man hat gesagt, seit dem Bericht der Genesis, der einlädt, sich die Erde zu „unterwerfen“ (vgl. Gen 1,28), werde die wilde Ausbeutung der Natur begünstigt durch die Darstellung des Menschen als herrschend und destruktiv. Das ist keine korrekte Interpretation der Bibel… Es ist wichtig, die biblischen Texte in ihrem Zusammenhang zu lesen… und daran zu erinnern, dass sie uns einladen, den Garten der Welt zu „bebauen“ und zu „hüten“ (vgl. Gen 2,15). Während „bebauen“ kultivieren, pflügen oder bewirtschaften bedeutet, ist mit „hüten“ schützen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen gemeint… Jede Gemeinschaft darf von der Natur das nehmen, was sie zu ihrem Überleben braucht, hab aber auch die Pflicht, sie zu schützen und das Fortbestehen ihrer Fruchtbarkeit für die kommenden Generationen zu gewährleisten. Denn „dem Herrn gehört die Erde“ (Ps 24,1)…“

Bauernwallfahrt, Pfr. Witti, 13.3.16, 24Meine Lieben,

was heißt das, wenn wir das konkret auf unser Leben und Arbeiten, auf die tagtägliche Wirklichkeit unseres Bauernstandes hin bedenken? Bei vielen der großen Pläne zur Zukunft unserer Landwirtschaft wird vor allem, ja, die „Wirtschaft“ betont, weniger das „Land“. An den Börsen der Welt wird mit Ernten spekuliert, die noch lange nicht ausgesät sind. Preisspekulationen bringen auch hier einigen wenigen immense Gewinne, die selber noch nie einen Acker bestellt haben. Das Schicksal von Millionen Kleinbauern und bäuerlichen Betrieben scheint dabei ebenso wenig eine Rolle zu spielen, wie die Millionen von Menschen, die von Hunger bedroht sind, wenn zur Freude einiger weniger die Weizenpreise steigen. Die wirkliche Produktion von Lebensmitteln spielt bei all dem eigentlich keine Rolle mehr.

Jede Gemeinschaft darf von der Natur das nehmen, was sie zu ihrem Überleben braucht, hab aber auch die Pflicht, sie zu schützen und das Fortbestehen ihrer Fruchtbarkeit für die kommenden Generationen zu gewährleisten“, so sagt es Papst Franziskus.

Bauernwallfahrt, 13.3.16, 27Das nimmt aber nicht nur „die da oben“, sondern auch und vor allem Dich und mich in die Pflicht. Wie schaut es denn aus, wenn ich meinen persönlichen täglichen Konsum auf die Goldwaage dieses Papstwortes lege? Ein fatales Beispiel ist allein schon mein fast täglicher Fleischkonsum. Wenn ich das allein auf die Bundesrepublik hochrechne, wird rasch klar, dass der landwirtschaftlich genutzte Grund und Boden hier kaum das Futter hervorbringen kann, das für die Produktion dieser Fleischberge benötigt wird. Zigtonnenweise importieren wir pflanzliches Mastfutter etwa aus Südamerika. Viel davon wird mit gentechnisch veränderten Pflanzen produziert, gegen die sich hierzulande umgehend Proteste formieren würden. Also hat man mit dieser Produktion quasi ein „Outsourcing“ in ärmere Regionen betrieben. Einmalige Ökosysteme, die nicht zuletzt das Klima unseres ganzen Planeten sichern, müssen, ebenso, wie die Kleinbauern mit ihren Familien, den Großplantagen mit ihren ökologisch bedenklichen Monokulturen weichen, damit Europa Fleisch produzieren kann, das dann so billig auf den Weltmarkt geworfen wird, dass es eigentlich zur fast wertlosen Massenware, zum Wegwerfprodukt verkommt. Ähnliches geschieht in weiten Teilen Asiens in sensibelsten Lebensräumen, um Palmöl zu produzieren, das dann hier unseren Treibstoffen beigemischt wird, damit wir uns beim Autofahren mit sogenanntem Bio-Sprit ein möglichst „grünes Gewissen“ einreden können. Die Klage von Papst Franziskus, dass bei all diesen Entwicklungen immer sowohl die Ökologie der gottgewollten Schöpfung, als auch das Herr der ärmsten der Armen in aller Welt, die grausame Zeche zahlen, durchzieht die ganze Enzyklika wie ein roter Faden. Riesige Ökosysteme verschwinden für immer.

Ein weiteres Beispiel zeigt einen Wandel im theologischen und ethischen Denken im Blick auf die Schöpfung: Papst Franziskus spricht in erstaunlicher Weise von den Tieren dieser Welt als Mitgeschöpfen. Ganz in der franziskanischen Tradition verwurzelt, zitiert er den heiligen Bonaventura.

Bauernwallfahrt, 13.3.16, 30„Jedes Geschöpf zeigt eine typisch trinitarische Struktur in sich, die so real ist, dass sie spontan gesehen werden könnte, wenn der Blick des Menschen nicht begrenzt, getrübt und schwach wäre.“

Das ist eine außerordentliche Anfrage an die bisherige Theologie und eine noch viel größere Anfrage an unseren Umgang mit den Geschöpfen dieser Welt. Es heißt dann aber nichts anderes, als dass Gott sich in jedem Geschöpf dem Menschen zeigt.

Aber wie oft, sieht der Mensch, der hierfür noch ein inneres Auge hat, in unseren Mitgeschöpfen nur noch das Antlitz des leidenden Christus?Zeigt sich Gott für uns in den Geschöpfen, die ihres Lebensraumes beraubt elend zugrunde gehen? Zeigt sich Gott für uns in Tiertransporten, vor denen wir für gewöhnlich einfach die Augen verschließen? Zeigt sich Gott für uns, im Umgang mit den Nutztieren, die wir sicherlich für unseren wirklichen Bedarf halten dürfen, deren eigene natürliche Lebensbedürfnisse wir aber nur allzu oft ausblenden? Zeigt sich Gott für uns in den Haustieren die wir oft allzu sehr vermenschlichen und somit entgegen ihrer natürlichen Bedürfnisse auch ihrer eigentlichen Würde berauben? Zeigt sich uns Gott in den Mitgeschöpfen dieser Welt? Diese Fragen ließen sich noch erschreckend lange fortführen.

Bauernwallfahrt, 13.3.16, 42Meine Lieben,

die Bewahrung der Schöpfung und die Achtung aller ihrer Geschöpfe ist immer und aufs Engste mit der sozialen Frage in aller Welt verbunden. Das lehrt uns Papst Franziskus, das spüren aber auch in besonderer Weise alle, die in der bäuerlichen Landwirtschaft arbeiten und leben. Die Sorgen um die Zukunft der bäuerlichen Betriebe hier in unserem Land haben die gleichen Ursachen, wie die Existenzsorgen und die zunehmende Verelendung vieler Kleinbauern in Afrika, Südamerika, Asien oder Ozeanien. Wenn ich den Worten von Papst Franziskus glaube, der die komplexen globalen Zusammenhänge hier durchleuchtet und mit biblischer Hermeneutik durchdringt, dann bricht er geradezu eine Lanze für die bäuerliche Landwirtschaft weltweit. Wirklich nachhaltig und getragen von den angesprochenen Tugenden der „Genügsamkeit“ und der „Demut“, verantwortungsbewusst und sozial gerecht kann nur eine regional verankerte, an den Bedürfnissen der Menschen wie der Umwelt orientierte Landwirtschaft sein. Nur dann können Betriebe hier in guter Weise in die Hand der nächsten Generationen übergeben werden, nur dann kann diese Welt den Kindern und Kindeskindern als lebenswerte Erde weitergereicht werden.

Bauernwallfahrt, 13.3.16, 41Dieses Ziel zeigt uns Franziskus auf. Er will uns als Christen aber auch – in enger Gemeinschaft mit allen Menschen guten Willens – den Weg dorthin weisen. Das letzte große Kapitel der Enzyklika überschreibt er: „Ökologische Erziehung und Spiritualität“

Bauernwallfahrt, im Hintergrund Pfr. Witti, 13.3.16, 5Er fordert uns auf, aus Gottes Geist heraus, der uns geschenkt ist, auf einen anderen Lebensstil zu setzen, ökologisch umzukehren, wirkliche Friedenspolitik zu betreiben, aber auch Feiertage als geistliche Auszeiten wiederzuentdecken und so eine neue Schöpfungs-Spiritualität zu entdecken und zu leben. Genau das möchte ich heute vor allem Euch, unseren Bauern, nachdrücklich ans Herz legen. Es beginnt damit, dass Ihr immer mehr lernt, mit einer Stimme zu sprechen, egal, welche Schwerpunkte oder Produktionsformen die einzelnen Höfe auch haben. Nur so, werdet ihr Gehör finden in einer Welt, die fatalerweise in ganz anderen Kategorien denkt und lebt. Ich lege es auch – über alle Verbände und Bündnisse hinweg – auch ans Herz, dieses Schreiben von Papst Franziskus immer wieder zur Hand zu nehmen, seine Thesen zu bedenken und zu diskutieren, um als mündige Christen an einer besseren, weil nachhaltigeren und gerechteren Welt mitzuarbeiten.

Dann kann heute und morgen wahr werden, was uns in der Lesung der Prophet Jesaja so visionär verkündet hat: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? … Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Steppe Wasser fließen und Ströme in der Wüste, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken. Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden.“

Amen.

Bauernwallfahrt, Ochs Lasse, 13.3.16, 9(Text: Witti/Bilder: Dorfner AÖ)

 In der Sendereihe „Unser Land“ des Bayerischen Rundfunks wurde am 8. März 2016, um 19.00 Uhr, ein sechsminütiger Beitrag von der Altöttinger Bauernwallfahrt gesendet. Sie finden den Beitrag des BR hier.

Lesen Sie auch

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so…………….

Seit Wochen sind die Kinder des Walder Kindergartens häufig unterwegs. Zum Thema Berufe haben sie …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.