„JOSEPH“ – Gedanken zum 4. Advent (M. Witti)

Joseph

Meine Lieben,
als kleiner Bub wäre mein Traumberuf immer einer gewesen, bei dem ich mit Tieren zu tun hätte. Am liebsten wäre ich wohl ein großer Forscher geworden, der staunend und mit großem H…erzen die Wunder der Tierwelt entschlüsselt hätte, oder der Direktor eines großen Zoos. Allein das Leben ist mit mir dann andere Wege gegangen, auch wenn ich nun doch für 5500 „Schäfchen“ zuständig bin und für sie da sein darf. Meinen einstigen „Traumberuf“ hab ich mir nur im privaten Leben ein wenig verwirklichen können. So bewohnen das große Pfarrhaus mit dem weitläufigen Garten heute zusammen mit mir mein lieber Hund, meine Hühner, Goldfische, Kanarienvögel, Prachtfinken und seit kurzem auch mit amtlicher Genehmigung ein Papagei, der dringend ein neues Zuhause brauchte und jetzt beim Brevierbeten ebenso wie beim Predigtschreiben schmeichelnd auf meiner Schulter sitzt. „Träume sind Schäume“ heißt es oft ernüchternd, aber manche Träume kann man manchmal auch wahr machen – zumindest ein Stück weit.
Beim Blick in die Bibel stelle ich fest, dass das nicht anders war: Da ist auch immer wieder von Wünschen und Träumen, von der Sehnsucht die Rede. Gott sehnt sich immer nach dem Menschen, der ihm vertraut, der an ihn glaubt. Er wird oft enttäuscht – sein Traum vom Menschen platzt immer und immer wieder.
Besonders die Propheten sind es, die machtvoll von Gottes Traum sprechen, die dafür aber auch oft genug ihr Leben einsetzen müssen. Von einem haben wir in der alttestamentlichen Lesung gehört: Jesaja ist sein Name. Gott lässt durch ihn verkünden, dass er den Menschen von sich aus ein Zeichen geben will: Der Immanuel wird angekündigt, der „Gott-mit-uns“, Sohn einer Jungfrau. Blieb diese Verkündigung ein Wunsch, ein unwirklicher Traum?
Lange hatte es so ausgesehen; aber schließlich war es so weit: Eine Jungfrau namens Maria wurde durch Gotts Geist Mutter dieses „Immanuel“. Der Traum wurde wahr: der Messias Gottes sollte sein Volk endgültig befreien.
Doch auch dieser Traum wäre beinahe zerplatzt: Nehmen wir nur Josef! Maria sollte seine Frau werden, doch nun erwartete sie ein Kind, ohne dass er der Vater war. Sein Traum von einer guten Ehe war geplatzt! Doch dann war da doch noch so ein Traum – und Josef, der ihn träumte, wollte, dass dieser Traum und seine Botschaft nicht platzen sollten; deswegen nahm er Maria als seine Frau an.

Meine Lieben,
Josef war im Leben sicher kein weltfremder Träumer! Als Handwerker stand er vielmehr mitten im Leben, das es zu gestalten und oft auch zu bewältigen galt. Er war wohl kein Mann der großen Worte, zumindest überliefert die ganze Bibel kein einziges Wort von ihm. Er war ein Mann der Tat, der Anpacken konnte.
Josef war kein weltfremder Träumer, kein Spinner, aber er hatte einen Traum und er traute diesem Traum, Gottes Traum, der sein Leben und den Lauf der ganzen Welt verändert hat.
Wovon träume ich? Hat Gottes Traum eine Chance in meinem Leben?
Der Theologe, Theatermann und Autor Josef Dirnbeck zeigt mir, wie Josefs Traum auch mir Mut zum Träumen machen könnte. Er schreibt:
Du hattest dir
deine Zukunftspläne
schon längst gezimmert,
Josef,
als das Ja deiner Braut
zum Willen Gottes
wiederum alles
über den Haufen warf;
doch du hast die Probleme
trefflich gemeistert,

indem du auch deinerseits
ja gesagt hast;
Zimmermann Josef,
bitte für uns,
dass es uns nicht umwirft,
wenn Gott eines Tages
vielleicht auch unsere Pläne
auf unerwartete Art
über den Haufen wirft.1
Amen.
1Josef Dirnbeck: Auf die man zählen kann, München 1987, S. 30

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