Wie blind doch auch Christen manchmal sind… – Gedanken zum 4. Fastensonntag 2014 – „Laetare“ (M. Witti)

blind-symbol-mdMeine Lieben,

den einen „wirklich“ Blinden konnte Jesus heilen, vor den vielen anderen Blinden musste er aber kapitulieren. Sie „sehend“ zu machen, stand offenbar nicht in seiner Macht.

Dabei ist diese „Blindheit“ der vielen weit gefährlicher, als es eine rein körperliche Einschränkung je sein könnte. Die Blindheit die Jesus damals – und  wohl auch heute – nicht heilen konnte, ist eine tiefe innere Verblendung, ein fanatisches Nicht-Sehen-Wollen, eine Blindheit des Herzens.

Wie brutal diese innere Blindheit sein kann, zeigen die Pharisäer, die dem eben Geheilten vorwerfen, dass er wohl selber durch irgendwelche Sünden Schuld an seinem körperlichen Gebrechen sein müsse – und wenn nicht er, dann hätten eben die Eltern schwer gesündigt und so ein Kind verdient. Das war damals tatsächlich die allgemeine Meinung. Daher schleuderten sie ihm kaltschnäuzig entgegen: „Du bist ganz und gar in Sünden geboren und willst uns  belehren?“

Die Heilung eines Kranken war ihnen völlig egal. Sie waren ja die Herren über das göttliche Gesetz. Sie  verwalteten Buchstaben und Worte, deren tieferen Sinn sie offenbar längst vergessen hatten. Daher nicht nur die skandalöse Erkenntnis, dass eigene oder elterliche Sünden die Ursache dieser Behinderung sein müssten. Sie waren auch außer sich, weil „Heilung“ ja Arbeit ist und diese ist am Sabbat eben strikt verboten. Sie wussten schließlich genau, was Gottes Gesetz ist und sie verteidigten ihren wahnhaften Gesetzesglauben mit allen Mitteln, die religiösen Fanatikern eben nur zur Verfügung stehen. Sie sind wohl die eigentlichen „Blinden“ in diesem Heilungsbericht.

Ihnen will Jesus wohl einen Spiegel vorhalten, wenn er, der sich ganz auf Gott beruft, doch offenbar ganz gegen das  handelt, was jene als unverrückbares Gesetz Gottes hochhalten.

Jesus tut das, was jene nicht tun. Er sieht den konkreten Menschen in seiner Bedürftigkeit, in seiner Sehnsucht nach Heilung. Er lästert nicht überheblich über mögliche sündhafte Ursachen. Er geht in die Knie, macht sich klein, begegnet dem Hilflosen auf Augenhöhe, auf Du und Du. So schenkt er ihm zuerst einmal Nähe, Ansehen, Respekt und Würde. Er ist ganz bei dem, den andere nur zu gern übersehen, der ihn aber in diesem Moment am meisten braucht. So geschieht eine Heilung, die wohl viel mehr ist, als nur das Geschenk des Augenlichts. Es geschieht eine tiefe weil vorurteilsfreie Heilung von innen heraus.

Ich denke, die Pharisäer spüren auch diese tiefere Dimension von Heilung, sie sind ja nicht dumm. Aber sie spüren auch, wie gefährlich diese tiefere innere Heilung, dieser Respekt vor dem Menschen am Rande für ihr religiöses Gesellschafts- und Machtsystem sein kann. Wenn Gott nur noch „menschlich“ und immer nur „barmherzig“ ist, dann hat ihr strikter, ja, fanatischer Gesetzesglaube ausgedient. So verschlossen sie die Augen noch mehr, wurden noch verblendeter, gerieten noch tiefer in die gefühlskalte Blindheit des Herzens.

Meine Lieben,

die beiden Strömungen, die hier im Evangelium völlig gegenläufig aufblitzen, gab es auch zu jeder Zeit unserer Kirche. Es gab und gibt die ganz und gar Gesetzeskonformen, die immer genau wissen, was zu tun und zu lassen ist. Sie sind wichtig, weil sie uns die Lehre der Kirche durch all die wechselhaften Seiten hindurch bewahrt haben. Aber es gab und es gibt auch immer eine andere Fraktion, die davor warnt, dass man nie das heilvolle Handeln Jesus vergessen darf, der das Gesetz immer nur als Weg zur Freiheit und zum Heil des Menschen gelten ließ. „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“

Seit gut einem Jahr erleben wir hier einen ähnlichen und sehr wichtigen Diskussionsprozess in unserer Kirche. Papst Franziskus bricht Tabus. Er befragt das weltweite Kirchenvolk über Fragen von Ehe und Sexualität, wäscht am Gründonnerstag nicht handverlesenen Klerikern in der Lateransbasilika, sondern Gefangenen im Jugendknast die Füße, spricht offen über Homosexuelle, die ehrlichen Herzens Gott suchen, ermutigt zur heilsamen Diskussion über wiederverheiratete Geschiedene und vieles mehr, das vor ihm noch undenkbar gewesen wäre.

Es geht dabei nicht darum, die Kirche von heute auf morgen total umzukrempeln. Es geht um die Rückbesinnung auf die Wurzel, auf die Person und das Handeln Jesu.

Das bringt damals wie heute harte Diskussionen mit sich, aber nur so können heilsame Wege neu gegangen  werden.

Wenn wir bereit sind, uns diesen Auseinandersetzungen zu stellen und am Weg Jesu Maß zu nehmen, dann kann können auch heute viele von denen, die am Rande der Kirche oder unserer Gesellschaft stehen ebenso sprechen, wie einst jener Geheilte:

„Ich glaube, Herr!“

Amen.

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