„Ich hab keine Zeit!“ – Predigt 16. Sonntag im Jahreskreis 2016 – C

ZeitMeine Lieben,

„Mama, ich möchte Pfarrer werden!“ – Die Mama war baff, angesichts dieser Worte des kleinen Maxl am Frühstückstisch. „Doch Mama, ich möchte Pfarrer werden!“, kam es noch einmal voller Überzeugung. Zaghaft fragte die Mutter nach: „Warum willst du denn nun plötzlich ausgerechnet Pfarrer werden?“„Das ist doch ganz einfach“, lacht der Maxl: „Der Pfarrer muss nur einmal in der Woche arbeiten und am Sonntagvormittag kommt sowieso nichts gescheites im Fernsehen…“

Der Witz ist gut, aber die Wirklichkeit schaut leider doch anders aus. Wenn ich mit Kollegen beider Kirchen zusammensitze, dann geht es bei allem so ziemlich ums Gleiche: Renovierungen, Verwaltungsarbeit und Personalfragen, Sitzungen und Termine, die einen oft so in Beschlag nehmen, dass man wegen eines persönlichen Gespräches oft erst einmal im Terminkalender schauen muss, wann dafür in Ruhe Zeit ist. Aber gerade das Organisatorische, das viel Zeit frisst, wird ja auch im­mer wichtiger, wenn die Pfarrverbände größer und die Aufgaben vielfältiger werden.

Aber es geht ja beileibe nicht nur den Pfarrern so. Wer im Berufsleben steht, wer es gewohnt ist, Sachen engagiert anzupacken, oder wer sich ehrenamtlich engagiert, dem geht es ja eben­so. Tausend Dinge sind da immer zu tun – und eigentlich kann es ja nur klappen, wenn ich möglichst alles selber in die Hand nehme. – Und genau dann kommt es gegenüber manchen Menschen häufig zum schlimm­sten aller Sätze:

„Ich hab dafür jetzt keine Zeit!“

Dieser Satz tut mir innerlich weh, sowohl wenn ich ihn gesagt bekomme, als noch mehr, wenn ich ihn sagen muss.

„Ich hab dafür jetzt keine Zeit!“

Diesen Satz hätte auch die gestresste Martha aus dem Evangelium sagen können, v.a. dann, wenn sie sieht, wie leicht es sich ihre Schwester Maria offenbar macht. Die sitzt seelenruhig einfach herum und tut nichts anderes, als zuhören und ratschen. „Das geht doch nicht! Für so etwas habe ich keine Zeit!“, denkt Martha empört – und ich selber denke oft genauso.

Jesus aber scheint das nicht zu kümmern. Er genießt die Gastfreundschaft der Martha, die ihn herzlich umsorgt, aber er scheint es ihr nicht zu danken: „Du machst dir viele Sorgen und Mühen, aber nur eines ist wichtig…“

Hand auf’s Herz: Schon die Tasse Kaffee, bei der man einfach einmal gelassen über Gott und die Welt ratscht, ein kleiner Spaziergang, ein wenig Zeit für ein Hobby, oder einfach das wohltuende Gefühl, mal alle Fünfe gerade sein zu lassen, so etwas darf es doch bei mir – und auch bei Dir – nicht geben. Da wäre ich ja ein Faulpelz. Aufmerksames Zuhören, Aushalten von Stille, Schweigen, das ist auch mir selbst manchmal unmöglich, wenn ich so viel um die Ohren habe. Und dann kommt es eben wieder zu diesem furchtbaren Satz:

„Ich habe dafür jetzt keine Zeit!“

Meine Lieben,

„So geht es nicht weiter!“ –  Fast erscheint es mir, als möch­te Jesus Dir und mir das sagen und uns zeigen, wie Dein und mein Leben von Gott her gedacht ist:

„Du bist kein Faulpelz, wenn du dir immer wieder die Zeit nimmst, die du für dich selber brauchst. Du bist ein Wesen aus Körper, Geist und Seele. Du brauchst Beschäftigung, die dich erfüllt; du brauchst Aufgaben, die dich fordern; aber du brauchst genauso Zeiten der Ruhe, die Erfahrung der Stille, die zärtlichen Berührungen des Ewigen, der dich liebevoll in Händen hält, zu dem du vertrauensvoll sprechen kannst.“

Jesus preist nicht das süße Nichtstun, aber er korrigiert unser stures Denken, das viel zu oft nur an der Karriere, am Gewinn, am äußeren Erfolg orientiert ist. Wenn ich mich allein darauf beschränke, lebe ich am Leben vorbei, werde ich mir selber fremd, nehme ich mir das, was mein Leben wirklich wertvoll macht.

Wenn viele von uns sich in diesen Tagen auf den bevorstehenden Urlaub und die Ferien freuen, dann können diese Tage so ein kleiner Wink vom lieben Gott sein. Sie können Dir und mir zeigen, was das Leben wirklich wertvoll mach, wofür es sich – von Gott begleitet – lohnt zu leben.

Diese Erfahrung wünsche ich uns nicht nur in den Ferien und im Urlaub, sondern immer wieder. Wir sind Menschen mit Körper, Geist und Seele. Wir brauchen unser inneres Gleichgewicht, um menschlich leben zu können. Genau dazu will uns Jesus verhelfen, wenn er uns einlädt, die Hektik des Alltages auch einmal hinter uns zu lassen, betend und hörend seine wohltuende Nähe zu suchen. Jeder und jedem von uns will er dann – mitten im Leben – immer wieder zurufen können:

„Du hast das Bessere gewählt, das soll dir nicht genommen werden!“                                                                          

 Amen.

 

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