Jesu Versuchungen sind oft auch die meinen – Gedanken zum 1. Fastensonntag 2014 (M. Witti)

VersuchungMeine Lieben,

„Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“ – Nicht ohne Augenzwinkern, aber wohl durchaus ernst gemeint, versuchte der Autor Oscar Wilde mit diesem Spruch die – zumindest äußerlich – sehr sittsamen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bewusst zu provozieren. Gegen alle engen Konventionen wollte er hier einem – wie er es wohl empfand – befreienden Lustprinzip das Wort reden. In der Enge und im Puritanismus des viktorianischen Englands kann ich das noch irgendwie verstehen, zustimmen will ich ihm aber dennoch nicht.

Will ich, soll ich, darf ich wirklich jeder „Versuchung“ nachgeben, die an mich herangetragen wird? Wenn es dabei um mehr geht, als nur „die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“, hab ich da so meine Bedenken. Viel zu oft schon ist unsere Gesellschaft, ist unsere Kirche, sind einzelne Menschen höchst unheilvollen Versuchungen erlegen.

Erleichtern kann mich hier nur die Tatsache, dass auch Jesus, ganz Gott, aber eben auch ganz Mensch, diese unheilvollen Versuchungen kannte, die auch mich und uns alle hier immer wieder betreffen.

„…befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“, rät ihm der Versucher während seines heilsamen und befreienden Fastens. Damit sagt er nicht einfach: „Sei nicht blöd, schlag dir den Bauch voll!“ Diese Versuchung geht tiefer – und vielleicht haben wir selber diese Stimme des Versuchers auch schon so oder so ähnlich gehört: „Schau auf dich! Schau, dass es dir gut geht! Was interessieren dich die anderen? Bring einfach du deine Schäfchen ins Trockene! Wenn jeder an sich denkt, ist doch an alle gedacht…“

Wieviel Unglück kam so schon über Menschen, über Familien, ja, in der weltweiten Politik und Wirtschaft auch über ganze Völker und Nationen?

„Der Mensch lebt nicht nur vom Brot“, sagt Jesus darauf. Der Mensch ist mehr, als hemmungsloser Sozialdarwinismus uns weißmachen will. Der Mensch ist immer auch ein soziales Wesen, kann alleine nicht leben, muss folglich auch immer das Wohl des andern im Blick haben. Der Mensch ist immer auch ein liebendes, ein mitleidendes, ein zutiefst menschliches Wesen. Nur so kann er wirklich „Mensch“ sein.

„Wenn du Gottes Sohn bist, stürz dich hinab…“, lautet die nächste Versuchung. Du glaubst doch, dass Gott für dich da ist. Auch diese Stimme kenne ich: „Herr, ich versprech dir, dass ich das und das tun werden, wenn du mir nur hier hilfst, wenn du nur dieses oder jenes genauso werden lässt, wie ich mir das vorstelle…“ – Finden Sie sich auch in diesem Gebet ein Stück weit wieder?

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“, sagt Jesus. Er ist keine Marionette in deiner Hand, kein Automat, der Wünsche erfüllt. ER ist GOTT. Glaubst du das?

„Das alles will ich dir geben…“, lautet schließlich die dritte Versuchung. Es ist die Versuchung zur Macht, die wohl das meiste Unglück über diese Welt und die Menschheit gebracht hat.

Auch diese Stimme kenne ich: „Zeig’s den andern doch! Lass dir nicht alles gefallen. Such dir die richtigen Freunde! Nimm dir einfach, was dir eh schon längst zusteht!“ Auch der unheilvolle überzogene Klerikalismus, vor dem Papst Franziskus die Kirche nimmermüde mahnt, hat hierin seine Wurzel.

„Vor dem Herrn, deinem Gott sollst du dich niederwerfen“, sagt Jesus. Hüte dich, der Versuchung der Macht zu erliegen. Das ruft er Politikern und Kirchenführer ebenso zu, wie unseren Gruppen, Gremien und Vereinen, ja, jeder und jedem einzelnen von uns hier. Erlieg nicht dem Wahn der Macht. Schau auf Gott, der ganz andere, viel menschlichere Wege mit dir gehen will!

Meine Lieben,

immer wieder begegnen Dir und mir diese biblischen Versuchungen zur hemmungslosen Selbstsucht, zur absoluten Vergötterung meiner selbst, zum schrankenlosen Gebrauch äußerer Macht.

Hier braucht es Grenzen, damit alle leben können. Hier braucht es einen, der mich korrigiert, bevor ich mich selbst ins Unrecht setze und andere ins Unglück stürze. Es braucht eine Ethik des Handelns, die nicht dazu da ist, mir den Spaß am Leben zu nehmen, sondern ein möglichst gerechtes Leben für möglichst alle zu ermöglichen.

Auch uns sind jetzt – wie einst Jesus – 40 Tage geschenkt. Auch wir sollen in diesen Tagen „Hunger“ bekommen, „Hunger“ nach einem Leben, das mehr ist, als nur eine egoistische Nabelschau; „Hunger“ nach einem Leben, das mich wirklich menschlich werden lässt.

Es liegt an mir selber, ob es mir genügt, mich von vielerlei Versuchungen treiben zu lassen, oder ob ich es wage – mit Jesus – den Weg gegen den Strom, den Weg der Menschlichkeit, zu gehen.

Amen.

(Bild: pfarrbriefservice.de)

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