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Predigt zur Bauernwallfahrt 2014 in Altötting (M. Witti)

Zur Gabenbereitung wurde Brot an den Altar gebracht
Zur Gabenbereitung wurde Brot an den Altar gebracht

Meine Lieben,

immer wieder Skandale, die in den Medien scheinbar genüsslich breit getreten werden und die Menschen verunsichern.

Immer wieder einige schwarze Schafe, die den Ruf vieler ruinieren.

Immer wieder die Angst vor der Zukunft im ländlichen Raum und die bange Frage, ob auf Dauer wirklich nur immer größere Einheiten noch Zukunft haben.

Immer wieder aber auch das Bemühen vieler Engagierter um einen Neuanfang.

Immer wieder großartige Versuche mit viel Fantasie, Kreativität und Kraft den Menschen von heute in ihrer Lebenswirklichkeit nahe zu kommen.

Immer wieder Mutige, die neue Wege einschlagen im Glauben an eine bessere Zukunft…

Die Betrachtung, dieses „immer wieder“ zeigt mir heute bei dieser Bauernwallfahrt erstaunliche Parallelen auf. Jeder dieser Sätze trifft auf die Situation der bäuerlichen Landwirtschaft hier in unserer Heimat zu. Jeder dieser Sätze beschreibt aber auch die Situation unserer Kirche und unserer Pfarrgemeinden. Es geht uns allen ganz ähnlich.

Das Wort von der „Krise“ mag ich selber dabei nicht gebrauchen, denn ich habe oft den Eindruck, dass es schon viel zu oft und viel zu billig verwendet wird.

Ich will heute eher sprechen von einer Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung, die derzeit sowohl die bäuerliche Landwirtschaft, als auch unsere Kirche im ländlichen Raum massiv herausfordert. Und – wie eingangs erwähnt – sind diese Herausforderungen, die beide Seiten ganz unterschiedlich treffen, im Kern doch sehr ähnlich.

Schauen wir noch einmal genauer hin:

Skandale gab es mehr als genug in den letzten Jahren in unserer Kirche ebenso, wie in der Landwirtschaft. Wenn man selber mittendrin steht, wenn man sich Tag für Tag nach Kräften bemüht gute Arbeit zu tun, für die Menschen und für Gottes Schöpfung da zu sein, dann tut es oft unendlich weh, wenn man in allen Medien dann immer wieder das Gefühl hat, pauschal mitverurteilt zu werden, weil alles in einen Topf geworfen wird, weil nur zu gelten scheint „Bad News are good News“. Die ehrliche Arbeit und das stete Bemühen so vieler hingegen sind viel zu unspektakulär, als dass davon in ähnlicher Weise berichtet würde. So etwas tut weh, aber es ist dennoch nicht die Schuld der Medien, auf die wir dann ach so gerne schimpfen. Sie tun nur – in hoffentlich halbwegs gerechter und ausgewogener Weise – was ihr Auftrag ist. Sie berichten was Menschen bewegt, rütteln auch auf, wo es nötig erscheint. Viel zu schnell flüchten wir uns da dann – als Kirche, wie als Bauern – in eine beleidigte Leidenshaltung und hoffen, dass „die da oben“ das schon richtig stellen werden oder dass hoffentlich einfach bald Gras über die Sache wachsen wird.

Aber ist das in Ordnung so? Ist das eine angemessene Reaktion?

Hier rüttelt mich – und hoffentlich uns alle hier – der Prophet Ezechiel in der heutigen Lesung auf: „Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf… Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig…“

Wir aber verharren oft viel lieber in unserer selbstverordneten Depression, ziehen uns zurück auf die Höfe oder in die Kirchenbänke und sehen tatenlos eine angeblich dunkle Zukunft auf uns zukommen. Hat der ländliche Raum überhaupt noch Zukunft? Muss wirklich alles immer größer und damit auch immer unpersönlicher werden? Diese Frage beschäftigt viele Bauern hier bei uns und sie beschäftig ebenso die Menschen in unseren Pfarrgemeinden, wo die Seelsorgeeinheiten auch immer größer werden. Ich selber habe zur Zeit vier Gemeinden auf 25 Kilometern Länge in zwei Landkreisen mit drei verschiedenen Grundschulen, drei verschiedenen evangelischen Kollegen und vier verschiedenen Bürgermeistern – und nebenbei bin ich noch für Rundfunk und Fernsehen im Bistum Passau zu haben. Dieser Wallfahrtsgottesdienst ist für mich schon der dritte am heutigen Vormittag und wenn die Straßen am Sonntag nicht so frei wären, hätte ich es wohl kaum pünktlich hierher schaffen können. Da verstehe ich die bange Frage unserer Bauern immer mehr, die kürzlich bei einem Gespräch zwischen Kirche und Bauernschaft in Unterneukirchen gestellt wurde: „Müssen wir wirklich immer größer werden? Ist das wirklich noch gut so?“ Das frage ich mich im Blick auf die Höfe genauso, wie im Blick auf die Pfarrverbände.

Auch hier höre ich wieder – für die Bauern, wie für die Kirche –  wider alle Verzagtheit den Propheten Ezechiel: „Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf… Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig…“

Aber sind wir bereit, uns aus unseren sprichwörtlichen „Gräbern“ herausholen zu lassen? Sind wir bereit, nicht länger zu denken und zu sagen „Das war halt schon immer so..“? Sind wir bereit, uns neuen Herausforderungen zu stellen? Sind wir bereit, diesem prophetischen Ruf wirklich zu folgen?

Wenn wir es sind liegt ein vielleicht unbequemer Weg vor uns, ein mühe voller und beschwerlicher, aber auch – wie es ein geistlichen Lied sagt – „ein Weg der die Mühe lohnt“, ein Weg, der bäuerlichen Betrieben und ihren Familien Zukunft ebenso Zukunft gibt, wie unseren dörflichen und heimatlichen Pfarrgemeinden.

Damit das  so werden kann, müssen alte Fehler korrigiert und überwunden werden, bei der Bauernschaft ebenso, wie in unserer Kirche. Auch hier erscheinen mir die gewachsenen Fehler wieder ganz ähnliche Strukturen zu haben.

Bei dem erwähnten schon erwähnten Gespräch zwischen „Kirche und Landwirtschaft“ kam die Anfrage an mich, ob nicht die Kirche nur einige Bereiche der Landwirtschaft wortgewaltig unterstütze, während die konventionellen Betriebe meist kein großes Thema für sie seien. Das hat mir sehr zu denken gegeben. Natürlich bete ich als Pfarrer mit allen, die zu mir kommen. Natürlich unterscheide bei den vielen Bittgängen, die wir kilometerweit bald wieder gehen, beim Beten nicht zwischen verschiedenen Produktionsweisen und –ansätzen. Aber es zeigt mir, dass die oft so geringe Außenwirkung vieler landwirtschaftlicher Themen ähnliche Ursachen hat, wie auch bei unserer Kirche:

Wir reden nicht mit einer Stimme! Das Christentum ist oft so unglaubwürdig für viele, weile sie zerrissen und gespalten ist, in viele Konfessionen, Gruppen und auch Sekten. Dort aber, wo es gelingt, dass verschiedene Kirchen mutig mit einer Stimme sprechen, wo nicht mehr Trennendes, sondern Gemeinsames im Mittelpunkt stehen, dort kann vieles erreicht werden.

Ich habe gelernt, wie hier bei uns in Bayern die überwiegende Mehrheit der Bauern, egal welcher Produktionsform, größte Bedenken angesichts der europäischen Rechtsprechung zur Zulassung einer neuen Genmaissorte haben. Konventionelle wie biologisch Produzierende kennen die Berichte aus Mittelamerika, wo sich binnen kürzester Zeit Resistenzen bildeten, wo es dann trotz der neuen Sorten zu verheerendem Schädlingsbefall kam und wo Bauern in existenzgefährdende Abhängigkeiten kamen, weil die großen Konzerne zwar nicht die versprochen Erträge mit ihrer Saat lieferten, dafür aber auch noch neu entwickelte Spritzmittel teuer in Rechnung stellten, ohne die dann plötzlich gar nichts mehr ging.

Ich spürte hier bei allen Beteiligten und auf allen Seiten die gleichen Zukunftsängste. Ich merkte, wie alle die gleichen Bedrohungen sahen für die Zukunft unserer bäuerlichen Familienbetriebe, denen wir ja nicht nur die regionalen Lebensmittel, sondern auch die Schönheit unserer Heimat verdanken.

 

Meine  Lieben,

hier in Altötting möchte ich im Blick auf Maria, die in allen Höhen und Tiefen ihres Lebens ganz auf Gott vertraut hat, mit Euch allen um eines beten: Um den Geist der Einigkeit, um den Mut, auf Menschen verschiedenster Meinungen und Ansichten zuzugehen, um auch in ihnen das Wertvolle und für alle Wichtige zu erkennen.

Ich möchte mit Euch um den Mut beten, Brücken zu schlagen und Menschen ins Boot zu holen, für die wir bisher vielleicht noch meinten, keinen Platz zu haben.

Ich möchte mit euch um diesen Mut beten für alle, die in der Landwirtschaft in den verschiedensten bäuerlichen Betrieben tätig sind und für unsere Gemeinden, die sich auch oft viel zu sehr abgeschottet und in sich selbst zurückgezogen haben.

Ich möchte mit Euch allen für uns alle um diesen Mut beten, der dann viele verschiedene Menschen mit einer Stimme und für ein gemeinsames Ziel sprechen lässt.

Nur dieser Mut macht uns glaubwürdig vor den Menschen von heute.

Dann können auch wir – wie einst Marta im Evangelium – auf Jesus schauen und in der berechtigten Hoffnung auf eine bessere Zukunft rufen:

„Ich glaube, Herr, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“

Amen.

DSC_0529Witti und Rindvieh

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