„Kehrt um…“ – Predigt zum 2. Adventssonntag 2016 – Lesejahr A

Meine Lieben,

„Das wäre zu schön, um wahr zu sein“, so sagen wir, wenn wir etwas erhoffen, das realistisch aber wie eine große Utopie erscheint. Stellen Sie sich einmal vor: Israel und die Palästinenser einigen sich plötzlich und die beiden Völker schließen Frieden, reichen sich die Hände, obwohl sie sich seit Jahrzehnten gegenseitig bis aufs Blut bekämpfen. Wie hart die Grenze dort ist, können alle erleben, die einmal als Pilger auf Jesu Spuren dort unterwegs sind. FRIEDEN – wie wäre das?

Unglaubliche Szenarien täten sich auf. Feinde würden sich die Hände reichen. Hass und Misstrauen fänden ein Ende. Das wäre ein Ereignis, das eine ganze Region politisch verändern könnte. Paradieshafte Züge würde der Nahe Osten annehmen nach so vielen Jahrzehnten des Krieges, des Terrors, der Gewalt und der Angst. Aber: Es wäre zu schön, um wahr zu sein!

Oder stellen Sie sich im Blick auf manche Mahnungen von Papst Franziskus vor: In unserem Land und weltweit würde eine ganz neue Wirtschaftsethik einkehren. Der immer mehr um sich greifende Kapitalismus würde der Idee der konsequenten sozialen Marktwirtschaft weichen. Von sich aus bemühten sich Arbeitgeber um Lohngerechtigkeit und Verbraucher legten ihre Schnäppchenmentalität ab. Debatten um Mindestlöhne würden überflüssig. Es wäre zu schön, um wahr zu sein!

Oder stellen Sie sich vor: Menschen stehen vor dem Scherbenhaufen ihrer Beziehungen. Alles scheint für immer kaputt. Trennung, Scheidung mit all ihren Konsequenzen folgen. Und plötzlich ergäbe sich ein neuer Weg, zueinander zu finden. Die Partner würden sich Fehler vergeben und Wege eines neuen Miteinanders finden. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Muss das alles wirklich eine Utopie bleiben?

Jesaja gibt uns darauf in der Lesung eine bedenkenswerte Antwort. Mitten in einer Zeit, in der Israel dem Untergang nahe schien, weil Babylon dar Land erobert und weite Teile der Bevölkerung verschleppt hatte, zeichnete Jesaja seine große utopische Vision: Der Sproß aus der Baumstumpf Isais wird neue Frucht bringen! Leben und Zukunft sind in Gott möglich. Das war keine fromme Vertröstung. Das war die Einladung, sich ganz  auf Gott einzulassen, Erneuerung zuzulassen und selber das Seine dazu beizutragen. Dass das nicht nur für die großen politischen und  sozialen Fragen gilt, sondern vor allem auch für mein ganz persönliches kleines Leben, zeigt mir im Evangelium dann der Täufer Johannes. Er ruft auch mir in allem Scheitern und in aller Zukunftsangst zu: „Kehr um!“ Schau auf Gott, der barmherzig ist. Trau ihm etwas zu für dein Leben, vertrau dich ihm an, so wie du bist, werde neu.

Meine Lieben,

diese adventliche Botschaft, dass Gott mir neu nahe kommen will, dass ich mich ihm ganz neu anvertrauen darf, kommt auch bei mir selber viel zu kurz. ADVENT ist mehr, als Lichterglanz, Marktbuden und das Hetzen von einer vermeintlichen Besinnung zur nächsten. Im Advent geht es um MICH und um GOTT und sonst eigentlich um nichts. Das hat mir ein Brief gezeigt, den Franz an seine Nichte Kerstin geschrieben hat. Darin heißt es:

Liebe Kerstin!

Du wirst dich wundern, dass dieser Brief anderswoher kommt als sonst. Ich mache hier Exerzitien. Ich bin hier nach längerer Zeit hier wieder einmal zur Beichte gegangen und ich fühle mich beschenkt und froh wie seit langem nicht! Buße tun ist heutzutage nicht gerade modern. Viele sehen ihr eigenes Versagen nicht ein, es ist immer jemand anders schuld, Eltern und Erzieher zum Beispiel oder die Veranlagung eines Menschen, seine Umgebung, die Gesellschaft und so weiter. Aber hab ich denn keinen eigenen Willen, keinen eigenen Kopf? Buße tun heißt zuallererst: Sich selber verantwortlich bekennen und, dass ich frei bin in meinen Entscheidungen. Ich bin ein freier Mensch. Für Jesus war die Bereitschaft zu Buße und Umkehr wichtig. Das muss eine Sache des Herzens sein, eine innere Umkehr zum Guten hin, Abkehr vom Bösen und Hinkehr zu Gott, auch zu den Mitmenschen. Dass das ein Geschenk ist, habe ich hier wieder neu erfahren. Die Umkehr ist nicht unsere Leistung, es geht dabei nicht darum, Gott gnädig zu stimmen. Er hat sich ja längst uns zugewandt in Jesus. Umkehr zu Gott! Das kann auf vielfache Weise geschehen: durch Fasten, Beten, Almosengeben, durch Verzicht, Werke der Nächstenliebe, vor allem durch die Mitfeier der heiligen Messe. Jetzt verstehe ich auch, was Bußgottesdienste bedeuten. So habe ich mich also wieder einmal auf den Weg gemacht. Das war gar nicht so leicht, liebe Kerstin. Ich habe mich ein Leben lang bemüht, als guter Christ zu leben. Aber immer wieder gerät man in Gefahr, sich selber für in Ordnung zu halten, dann fällt es einem schwer, Fehlhaltungen und Sünden einzusehen. Erzähle mir doch auch mal, was du mit der Beichte für Erfahrungen gemacht hast. In meinem nächsten Brief möchte ich auf dieses wichtige Thema noch einmal zurückkommen.

Für heute grüßt dich herzlich Dein Franz

 

Meine Lieben,

„Kehr um“, diese Einladung gilt in diesem Advent auch für Dich und für mich. Machen wir etwas daraus!

Amen.

(Text/Bild: Witti)

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