„Ruh dich ein wenig aus…“

Predigt zum 14. Sonntag im Jahreskreis 2014 – Lesejahr A – von Pfarrer Michael Witti

UrlaubMeine Lieben,

ich bin irgendwo schon ein etwas seltsamer Mensch. Zumindest wird mir das von guten Freunden immer wieder bestätigt. Wie seltsam ich doch manchmal sein kann, wird für diese lieben Zeitgenossen besonders um diese Jahreszeit jetzt deutlich. Während alle anderen nur noch schwärmen, wo sie heuer wieder ihren Urlaub als „die schönsten Wochen des Jahres“ verbringen wollen, zieht es mich so gar nicht in die Ferne. Ich mag keine großen Urlaube und schon gar keine Fernreisen. Und ich weiß, wovon ich rede…

Schon kurz nachdem ich vor sieben Jahren Pfarrer für Feichten und Heiligkreuz geworden bin, hab ich eine Karibik-Kreuzfahrt gemacht. Bekannte noch aus meiner Bad Füssinger Zeit hatten mich dazu überredet. Ein ewiger Flug in unbequemen, engen Sitzen, eine entwürdigende Einreisesituation in den USA bei der man erst einmal wie ein potentieller Terrorist behandelt wurde, und als wir Sonntagabends aufs Schiff kamen, wollte mich der dortige italienische Pfarrer nicht einmal einen deutschen Gottesdienst mit unserer Gruppe in der kleinen Kapelle feiern lassen. Erst als ich dann täglich die englischsprachigen Gottesdienste übernahm, weil er nur Italienisch sprach, aber leider keine Italiener in den Gottesdiensten waren, wurde unser Verhältnis besser. Ich saß auf dem riesigen Schiff, glotzte auf den Ozean hinaus, sah Insel für Insel vorbeiziehen und hab nach Kräften versucht, mich der zwanghaften „Dauer-Bespaßung“ auf Deck zu entziehen. Dafür hab ich – zu horrenden Kosten – fast täglich im Pfarrbüro angerufen, ob denn schon alles in Ordnung sei. „Wenn jetzt wirklich was passiert, kannst Du auch nicht vom Schiff springen und herschwimmen…“, meinte unsere gute Maria im Büro irgendwann – und sie hatte ja Recht damit.

Die Heimreise war dann wieder Stress pur. Wieder enge Flugzeugsitze, wieder eine entwürdigende Einreiseprozedur – diesmal in Spanien, obwohl ich doch Bürger der EU bin – hektischen Umsteigen im Schweinsgalopp zum nächsten Flieger. Fix und fertig bin ich dann von diesen angeblich „schönsten Wochen des Jahres“ daheim angekommen. Die Unterlagen für zwei anstehende Beerdigungen lagen schon auf der Treppe. Als ich den Koffer abgestellt habe klingelte das Telefon: der dritte Todesfall…

Seither hab ich nur ein müdes, ja, mitleidiges Lächeln übrig, wenn mir andere von den Vorbereitungen auf den ach so tollen Urlaub erzählen. Sollen sie doch…

Ich hab in den Jahren als Pfarrer hier etwas ganz anderes für mich entdeckt, das mir mehr Kraft und Ruhe gibt, als es der sensationellste Urlaub jemals könnte.

„Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“

Hier spricht Jesus sicher nicht von spektakulären Fernreisen. Hier lädt er mich zur gesunden Achtsamkeit im Blick auf mein Leben ein – und das gilt nicht nur für ein paar Urlaubtage im Jahr.

Jede Woche, ja, jeden Tag, brauche ich für mein Leben und meinen Dienst hier kleine Oasen der Ruhe.

Oft ist das in diesen Tagen einfach eine Tasse Kaffee auf meiner Terrasse, möglichst außerhalb der Reichweite des Telefons. Für dringende Fälle ist der Anrufbeantworter ja immer eingeschaltet.

Wenn mal ein Abend ohne Termine ist, versuche ich immer wieder einmal, mir bewusst Zeit für Freunde zu nehmen, die meist ohnehin bei mir viel zu kurz kommen.

Oft aber ist es auch „nur“ eine kleine Zeit der Stille, die mich dann spüren lässt, wer ich bin, was ich will und wer immer an meiner Seite geht. Es sind kleine Zeiten des Gebetes, mal im Garten, mal in meiner kleinen Hauskapelle. Und es ist für mich die Feier der Eucharistie in den vier Gemeinden unseres Pfarrverbands. Das ist für mich – inklusive der Predigt – vom Gefühl her niemals „Arbeit“, sondern immer eine Quelle der Kraft, ein Höhepunkt des Tages, den ich gemeinsam mit anderen Erleben darf.

 

Meine Lieben,

ich gönne jede und jedem hier den Urlaub von ganzem Herzen und wer es möglichst exotisch haben will, soll daran seine tiefe Freude haben.

Aber ich möchte Euch alle auch einladen, das Wort Jesu tiefer zu hören. Jeder Tag hat seine Möglichkeiten der Ruhe, der Besinnung, des Gebetes und der neuen Kraft. Ich muss nur den Mut haben, mir die Zeit dafür zu nehmen.

Immer gelingt mir das auch selber nicht. Aber wenn es mir gelingt, dann spüre ich, wie gut es Jesus mit mir meint, wenn er eigentlich jeden Tag neu zu mir – und zu uns allen hier – sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“

Amen.

(Foto: pfarrbriefservice.de)

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