Allerseelen – „Wie willst du sterben?“

Predigt zum Fest Allerseelen 2014 – Pfarrer Michael Witti

100_0014Meine Lieben,

wie möchten Sie einmal sterben? Diese Frage gehört wohl zu den letzten Tabuthemen, die unsere Gesellschaft noch kennt. Wie möchten Sie einmal sterben? – Wenn wirklich einmal das Gespräch auf dieses Thema kommt, dann höre ich meist Antworten, wie: „Schnell soll es gehen. – Ich möchte nichts spüren.“ Oder es heißt einfach: „Darüber will ich nicht nachdenken…“

Das Reden über den Tod macht uns hilflos, einerseits wohl, weil er so unausweichlich ist, andererseits, weil die Erfahrung von Tod und Sterben heute längst nicht mehr von Kindesbeinen an zum alltäglichen Leben und Erleben dazu gehört. Es ist wohl auch dieser persönlichen Hilflosigkeit geschuldet, dass die Debatte über das Sterben in den letzten Wochen und Monaten sehr heftig geführt wurde. Sehr emotional wurde da gerungen, auch wenn aus vielen Diskussionsbeiträgen eher die besagte Hilflosigkeit und Unerfahrenheit zu sprechen schien. Im Zentrum stand dabei die Frage nach der sogenannten „aktiven Sterbehilfe“, also: Darf ein Arzt einen leidenden oder totkranken Menschen auf Wunsch ein tödliches Medikament verabreichen?

Ich kann Menschen verstehen, die in ihrer Hilflosigkeit angesichts des Sterbens eines lieben Menschen, auf solche Gedanken kommen. Ich kann verstehen, dass sich Angehörige überfordert fühlen, wenn es darum geht, Menschen auf dem letzten Stück ihres Weges zu pflegen und zu begleiten. Dennoch habe ich den begründeten Verdacht, dass viele Menschen auch deshalb so vehement so eine „Tötung auf Verlangen“ fordern, weil sie nicht wissen, welche menschlichen Alternativen es dazu gibt. Ich darf in den letzten Jahren – Gott sei Dank – immer mehr Menschen erleben, die in dieser letzten Phase des Lebens eine gute und zutiefst menschliche Sterbebegleitung erleben dürfen. Die Palliativmedizin, also die Möglichkeit, Menschen weitgehend schmerzfrei diesen letzten Weg zu begleiten, ist heute fest in unseren Krankenhäusern etabliert. Viele haben auch bei uns hier eigene Palliativstationen. Es gibt – auch hier bei uns – Hospizvereine mit Netzwerken aus Pflegepersonal und Sterbebegleitern, die auch die Angehörigen begleiten und unterstützen, egal ob ein Mensch in der Klinik oder daheim den Weg des Sterbens geht. Auch die Hausärzte, die ich hier kennenlernen durfte, leisten hier großartige Arbeit in der Schmerztherapie und in der Begleitung

So gesehen kann ich die klare Aussage des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx dieser Tage schon verstehen. Er sagt: „Wir brauchen keine Anleitung zum Töten, sondern wir brauchen eine Anleitung zum menschenwürdigen Sterben…“ Gleichzeitig fordert er aber auch eine höhere Wertschätzung der Pflegeberufe und warnt davor, pflegebedürftige und sterbende Menschen nur noch als ökonomische Last zu betrachten.

 

Meine Lieben,

„Wie möchten Sie einmal sterben?“ – Wenn Sie an den Gräbern ihrer Lieben stehen, in denen Sie vielleicht auch selbst einmal zur letzten Ruhe gebettet werden, kann diese Frage vielleicht sehr heilsam werden. Ich selber habe für mich schon vor Jahren meine Antwort darauf gefunden. Ich möchte einmal so geborgen sterben können, wie es spürbar wird in einem Faltblatt der Hospizbewegung. Darin gibt ein Sterbender seinen Angehörigen folgenden Rat mit auf den letzten Weg:

  • Lass mich in den letzten Stunden meines Lebens nicht allen.
  • Bleibe bei mir, wenn mich Zorn, Angst, Traurigkeit und Verzweiflung heimsuchen und hilf mir, zum Frieden hindurchzugelangen.
  • Denk nicht, wenn du ratlos an meinem Bett sitzt, dass ich tot sei. Ich höre alles, was du sagst, auch wenn meine Augen gebrochen scheinen. Darum sag jetzt nicht irgendetwas, sondern das Richtige.
  • Sag mir etwas, das es mir nicht schwerer, sonder leichter macht, mich zu trennen. Denn so vieles, fast alles, ist jetzt nicht mehr wichtig.
  • Ich höre, obwohl ich schweigen muss und nun auch schweigen will. Halte meine Hand. Wisch mir den Schweiß von der Stirn. Wenn nur noch Zeichen sprechen können, lass sie sprechen.
  • Dann wird auch das Wort zum Zeichen. Und ich wünsche mir, dass du beten kannst. Klage nicht an, es gibt keinen Grund. Sage Dank.
  • Du sollst von mir wissen, dass ich der Auferstehung näher bin, als du selbst.
  • Lass mein Sterben dein Gewinn sein. Lebe dein Leben künftig bewusster. Es wird schöner, reifer und tiefer, inniger und freudiger sein, als es zuvor war, vor meiner letzten Stunde, die meine erste ist.

Meine Lieben

so möchte auch ich einmal sterben und dann meinem Gott entgegengehen, der mit weit ausgebreiteten Armen auf mich wartet.

Amen.

(Foto: Limmer)

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