„Ostern hier und jetzt“ – Gedanken zum Osterfest 2014 (M. Witti)

Auferstandener Christus in der Feichtener Kirche (2011 - vor der derzeitigen Innenrenovierung)
Auferstandener Christus in der Feichtener Kirche (2011 – vor der derzeitigen Innenrenovierung)

Meine Lieben,

Manchem Kind geht es im Heim besser als zu hause. Manchem Straftäter geht es im Knast besser als draußen. Manchem psychisch Kranken geht es in der Anstalt besser als daheim Manchen alten Menschen geht es im Altersheim besser als bei seinen Kindern. Vielen Menschen geht es auf dem Friedhof besser als mitten unter uns.

 

Diese Zeilen stammen von einem, der selber im Gefängnis sitzt. Überschrieben hat er es: „Armutszeugnis“

Warum er im Knast einsitzt, was er verbrochen hat und welche Strafe man ihm dafür aufgebrummt hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, wenn er heute vielleicht auch in irgendeiner Form an Ostern denkt, dann wird er das anders tun, als wir hier. Er hat von diesem Leben wohl mehr kennenlernen müssen und damit auch mehr verstanden von den hellen, aber eben auch den dunklen Seiten, als die meisten von uns hier.

Es ist ein „Armutszeugnis“ wie viele Menschen hier in unserem immer noch unverschämt reichen Land, das derzeit trotz der europaweiten Krise rekordverdächtige Steuereinnahmen einfährt, immer noch menschenunwürdig leben müssen.

Auf Kinder ohne Nestwärme, Straftäter, die niemand menschlich auffängt, psychisch Kranke, die nicht akzeptiert werden in unserer Leistungsgesellschaft, Alte, für die kein Platz in ihren Familien ist, Tote, die erst im Tod ihren Frieden finden konnten, weißt jener Mann im Gefängnis uns hin.

Aber die Liste dieser gesellschaftlichen „Armutszeugnisse“ ließe sich noch lange fortsetzen. Ich denke an den Frauenhandel, an Mädchen, die wie Sklaven gehalten werden, weil eine unsägliche Gesetzgebung Deutschland zum größten Bordell Europas gemacht hat.

Ich denke an die Flüchtlingsproblematik, an traumatisierte Menschen, die sich nach ein wenig Normalität, ein wenig Sicherheit und Geborgenheit für ihr Leben sehnen. Es ist ein starkes Zeichen, wenn manche Bischöfe in Deutschland am Gründonnerstag die Füße gewaschen haben, aber es ist eben auch nur ein Zeichen, dem nun auch bei uns allen hier Taten folgen müssen.

Genauso denke ich aber an viele hier bei uns im Pfarrverband, von deren Schicksalen ich oft auch nur zufällig erfahre, für die oft schon ein wenig Zeit, ein wenig Zuhören, ein wenig Zuneigung reichen würde, damit ihr Leben nicht immer noch mehr zum „Armutszeugnis“ für uns alle werden müsste.

Wie feiern wir heute OSTERN, angesichts so vieler „Armutszeugnisse“ in dieser Welt, in unserem nächsten Umfeld? Welche Bedeutung hat diese Feier der Auferstehung für die ganz reale Welt da draußen? Wie gehen wir, die wir uns „Christen“ nennen, im alltäglichen Leben mit der österlichen Erfahrung von Auferstehung um?

Viel zu oft war und ist OSTERN missbraucht worden, als billige Vertröstung auf ein seliges Jenseits. Aber das allein kann es nicht sein. Es reicht nicht zu sagen: „Irgendwann einmal wirst auch du von Gott Gerechtigkeit erfahren, wird es auch dir so gut gehen, wie es mir selber heute schon geht.“

Das wäre zynisch. Das ist nicht OSTERN.

 

Meine Lieben,

der Auferstehungsglaube beginnt hier und jetzt. Er will, dass ich und du hier uns jetzt aufstehen und in Bewegung kommen.

Die alles übertreffende Ostererfahrung, die Begegnung mit dem Auferstandenen, hat einst die Frauen und – weil die Männer oft etwas länger brauchen – später auch die Jünger aufstehen lassen aus ihrer Trauer und Lethargie und hat sie in Bewegung gebracht.

Das war aber keine Bewegung die nur um sich selber kreist und sich selber furchtbar wichtig nimmt. Es war eine Bewegung auf die Menschen zu – und von Anfang an standen für die Christen die Menschen am Rande der Gesellschaft, die Armen und Ausgebeuteten, die Kranken und Elenden, die Vergessenen und die Trauernden und so viele andere im Mittelpunkt.

In ihnen können auch wir heute – so wie es uns Papst Franziskus schreibt – dem leidenden Christus begegnen. Und wenn wir ihnen ein wenig Aufmerksamkeit uns Liebe schenken, dann werden auch wir heute eine unglaubliche und unbeschreibliche Erfahrung machen können: Dann ereignet sich OSTER, dann ereignet sich Auferstehung plötzlich hier und heute, mitten unter uns, denn dann können Menschen, die sich lebend schon wie tot fühlten, vielleicht wieder neu so sprechen und beten:

 

Gesegnet seien alle, die jetzt für mich da sind. Dankbar bin ich für jeden, der mir einmal zulächelt und mir seine Hand reicht, wenn ich mich verlassen fühle. Gesegnet seien die, die mich immer noch besuchen, obwohl sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Ich möchte meine Erinnerungen nicht totschweigen. Ich suche Menschen, denen ich mitteilen kann, was mich bewegt. Gesegnet seien alle, die mir zuhören, auch wenn das, was ich zu sagen habe, sehr schwer zu ertragen ist. Gesegnet seien alle, die mich nicht ändern wollen, sondern geduldig annehmen, wie ich jetzt bin. Gesegnet seien alle, die mich trösten und mir zusichern, dass Gott mich nicht verlassen hat …[1]

 

Ich wünsche Ihnen alle frohe und gesegnete OSTERN!

Amen. Halleluja.

 

[1] Marie-Luise Wölfing, aus: www.predigtforum.at

 (Foto: Limmer)

Lesen Sie auch

Impuls – #61 – Gott und den Menschen nahe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.