Paulus und der menschliche Gott – Predigt 10. Sonntag im Jahreskreis 2016 – C

DSCI0890Meine Lieben,

halbe Sachen gab es bei ihm nicht! Wenn er etwas anpackte, dann richtig! So war der junge Saulus. Wenn er eine Sache anging, dann mit 100 %-igem Einsatz. Er war ein junger Gelehrter, dem wohl manche eine gute Karriere vorausgesagt haben. Entsprechend groß war seine Verbissenheit, mit der er seine Ziele verfolgte. Mit dem Eifer der Jugend trat er als überzeugter Jude für seine Überzeugung ein. Die Religion bedeutete ihm alles, war Lebensinhalt und Richtschnur für diesen jungen Mann.

Man kann sich vorstellen, wie ihm diese „Splittergruppe“ der „Christiani“ ein Dorn im Auge war: Leute, die Jesus, dem gekreuzigten Nazoräer, nachliefen. Sie behaupteten, er wäre der verheißene Messias und noch über dessen Tod am Schand­pfahl hinaus halten sie an dieser für Saulus gotteslästerlichen Lehre fest. Und immer mehr Menschen wenden sich von den traditionellen jüdischen Gemeinden ab und laufen diesen Christen nach. Für Saulus muss das eine schier unglaubliche Provokation gewesen sein, eine Verhöhnung der Überlieferungen der Väter, die nicht ungestraft bleiben soll. Folglich schrieb er später, im Galaterbrief, über diese frühen Jahre voller jugendlichem Elan und kompromisslosem Eifer:

„Ihr habt doch gehört, wie ich früher als gesetzestreuer Jude gelebt habe… In der Treue zum jüdischen Gesetz übertraf ich die meisten Altersgenossen in meinem Volk, und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner  ein.“ –  Wen wundert es, dass Saulus alles daran setzen wollte, dem Christentum, das sich im Schatten der Synagogen ausbreitete, ein Ende zu setzen. Mit Stumpf und Stiel sollten sie alle vom heiligen jüdischen Boden vertilgt werden. „Ihr … wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte“, so schreibt er. Aber mit einem Mal sollte alles anders werden. Im gleichen Galaterbrief schreibt er dann so: „Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate.“

Es war der sprichwörtliche Wandel vom „Saulus“ zum „Paulus“. Paulus selbst beschreibt diesen gewaltigen inneren Umbruch nur ganz schemenhaft, wenn er meinte: „…ich habe es nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen.“ Wie konnte so etwas geschehen? Wie konnte aus dem fanatischen Verfolger der jungen Kirche ihr wichtigster Verkünder werden? Was Paulus selbst nur andeutet, beschreibt parallel die Apostelgeschichte im altbekannten Bild. Der Christenverfolger Saulus war unterwegs nach Damaskus. Doch auf ein Zeichen Gottes hin stürzt er von seinem hohen Ross und erblindet, als Christus selbst zu ihm spricht. Er bekehrt sich und erhält in der christlichen Gemeinde von Damaskus das Augenlicht zurück.

Dieses anschauliche Bild schildert wohl sehr eindringlich jenes innere Erleben des bekehrten Paulus, von dem er nur schreibt, er habe „…es nicht von einem Menschen übernommen…, son­dern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen.“

Der junge Saulus wollte ganz und gar gottgefällig leben. Doch erst der bekehrte Paulus hat Gott wirklich entdeckt. Paulus erkannte: Gott lässt sich nicht für menschliche Machtspiele ver­einnahmen. Gott lässt sich nicht erkennen von Menschen, die anderen vom hohen Ross herab ansehen. Gott ist eher unten, im Staub, im Mensch­lichen und Allzu-Menschlichen zu finden. Erst als Paulus sich seine eigene innere Blindheit eingesteht findet er Gott, hört er den Menschgewordenen ganz menschlich zu ihm sprechen.

Meine Lieben,

Hier zeigt Paulus vielleicht das größte Wunder, das jedem Chri­sten verheißen ist: Paulus bleibt einerseits ganz und gar derselbe; einer, der sich mit Leib und Seele, mit Kraft und Enthusiasmus für seine Ziele einsetzt. Nur so, als der, der er immer schon war, kann er zum Völkerapostel werden. Zugleich aber wird er durch die Begegnung mit Gott ein ganz neuer. Er erfährt plötzlich eine innere Weite, eine menschliche Weisheit, die er von sich heraus nicht gehabt hätte.

Vielleicht ist Paulus so der „Prototyp“ des glaubenden Menschen, so wie Gott ihn auch heute noch will: ein Mensch, der ganz er selber ist, der die individuellen Talente und Fähigkeiten einsetzt, aber auch einer, der ohne Angst offen ist für Neues, der Staunen kann über Gottes Unbegreiflichkeit. Genau dazu will Gott selbst jeden Menschen – auch Dich und mich –  „schon im Mutterleib“ auserwählen „und durch seine Gnade berufen“.

Amen.

(Text: Witti/Foto: Strassner 2014)

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