(Un-) Heilige Familie? – Predigt zum Fest der Hl. Familie (Witti)

Hl. FamilieMeine Lieben,

hat Familie noch eine Zukunft in unserem Land? Oder ist „Familie“ bei uns hier zu einem „Auslaufmodell“ geworden, zu einer netten Illusion, die immer weniger mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hat?

Viele glauben ja lange schon, dass es „Familie“ im eigentlichen Sinne kaum mehr gibt. „Familie“ ist heute keine eindeutige Größe mehr. Ist Familie nur „Vater, Mutter, Kinder“, also die intime Kernfamilie, oder doch eher die Mehrgenerationenfamilie oder gar der ganze Familienclan mit Nichten und Neffen und allen Verwandten? Was ist dann eine so genannte Patchworkfamilie Geschiedener die wieder heiraten und Kindern verschiedener Vater- und Mutterschaften mitbringen? Ist die alleinerziehende Mutter oder der alleinerziehende Vater mit Kind auch Familie? Sind jetzt homosexuelle Lebenspartnerschaften mit adoptierten Kindern auch Familien?

Auch die große Familiensynode in Rom hat heuer im Herbst diese Frage nach der Familie in all ihren Facetten intensiv und oft auch kontrovers diskutiert. Die Welt wartet nun gespannt, was Papst Franziskus mit den Ergebnissen macht und welches Schlusswort er wohl dazu im neuen Jahr veröffentlichen wird.

Die „heilige Familie“, Jesus, Maria und Josef, so traut, so lieblich, so blass und weltfremd, wie wir sie von Krippendarstellungen und Heiligenbildchen kennen, frustrieren heute eher viele, als dass sie als Vorbild dienen können. Aber ist das wirklich so? Wie war sie denn, diese „heilige Familie“, wenn wir sie einmal ganz biblisch, aber auch ganz nüchtern betrachten? Für manch Frommen, damals wie heute, war es vielleicht sogar eine eher „unheilige Fa­milie“:

  • Da ist Maria, die man als unehelich Schwangere aus dem Dorf geprügelt hätte – ihr Verlobter nimmt sie zu sich, um den guten Ruf und den Schein zu wahren. – Denken wir an die vielen Mädchen, die heute in schwierigen Situationen verzweifelt nach Auswegen suchen, nur weil ihnen ihre Umgebung kein Verständnis entgegenbringt.
  • Da muss Maria in einer Bauernscheune ihr Kind zu Welt bringen, weil es nichts gibt, wo sie vorübergehend samt Lebensgefährten hätte wohnen können. – Nichts unterscheidet sie von jungen Leuten, die von einem Wohnungsangebot zum anderen rennen, und überall hören: Nichts frei! Oder: Zu teuer!
  • Da lebt die Heilige Familie nach ihrer überstürzten Flucht aus Palästina jahrelang im ägyptischen Asyl, in einem fremden Land. – Wie viele Eltern können heute als Flüchtlinge ihren Kindern die Geborgenheit eines Elternhauses nicht bieten.
  • Dann macht sich der Sohn Jesus auf einer gemeinsamen Wallfahrt selbständig und setzt sich von seinen Eltern ab. Die suchen ihn tagelang, fragen völlig irritiert, warum er ihnen das angetan hat. Jeder von uns kennt heute Eltern, deren Kinder plötzlich eigene, oft unverständliche Wege gehen.
  • Da bittet Maria ihren Sohn bei einer Hochzeit, dem Hausherrn aus einer Verlegenheit zu helfen und muss sich gefallen lassen, von diesem vor den Gästen schroff zurechtgewiesen zu werden – Wie viele Eltern fühlen sich heute von ihren Kindern gedemütigt und möchten am liebsten im Boden versinken?
  • Da sind Eltern, die die öffentlichen Auftritte ihres Sohnes mit immer größerer Sorge verfolgen, denn dieser gerät mit den herrschenden Sitten und Gesetzen immer mehr in Widerspruch. – Das machen viele Eltern durch, deren Kinder mit der Gesellschaft und ihren Gesetzen ungute Erfahrungen machen.
  • Schließlich bleibt da eine Mutter, die den Schmerz und die Schande ertragen muss, Mutter eines Hingerichteten zu sein. – Wie fühlt sich eine Mutter, ein Vater, heute, wenn das eigene Kind einen tödlichen Unfall verursacht, den Drogentod stirbt oder eine Gefängnisstrafe verbüßen muss?

Meine Lieben,

ich weiß nicht, ob es die vermeintlich „perfekte Familie“ wirklich gibt, ja, ob es sie überhaupt geben muss. Ich weiß nur, dass „Familie“, wenn ein Mensch sie denn wirklich erfahren darf, zum wichtigsten und wertvollsten im Leben gehört.

Dabei kann es auch sein, dass Kinder einmal Wege gehen, die die Eltern nicht verstehen, vielleicht auch nicht gut heißen. Aber das mussten auch Maria und Josef schon früh erfahren, wenn wir dem heutigen Evangelium glauben. Dennoch können auch solche unverstandenen Wege gute Wege werden, denn Gott verlässt niemanden. Ein lieber Studienkollege hat mir das vor einigen Jahren einmal in einem Weihnachtsbrief so geschrieben:

Vor zweitausend Jahren ward uns ein Kind geboren,

ein ganz besonderes Kind.

Hätten seine Eltern für dieses Kind gesorgt, wie Eltern es tun,

wäre auch dieses Kind geworden, wie Eltern so sind.

Hätten es die Eltern erzogen, gut erzogen,

hätte es dabei gelernt, andere zu erziehen.

Hätten ihm die Eltern die besten Predigten der Welt gehalten,

hätte es dabei predigen gelernt.

Hätten ihm die Eltern jeden Fehler ausgebessert,

hätte es gelernt, bei anderen Fehler auszubessern.

Hätten sie es bei jedem Fehler angeschrien,

hätte es gelernt, andere anzubrüllen.

Hätte es öfters eine gesunde Ohrfeige bekommen,

hätte es gelernt, andere zu schlagen.

Aber diesem Kind haben seine Eltern Liebe gegeben,

ihre ganze Liebe,

daher hatte es Liebe zu geben,

Liebe für die ganze Welt.

Amen.

(Text/Bild: Witti)

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Ein Kommentar

  1. Klaus-Peter AMMER

    Lieber Pfarrer Witti,
    vielen Dank für diese Predigtausführung. Bei der suche nach Beiträgen zur Vorbereitung einer Wortgottesfeier, als Wortgottesdienstleiters habe ich sie entdeckt und werde sie morgen predigen.
    Es tut gut immer wieder solche für die Menschen wirklich nahe beim göttlichen Geheimnis der unendlichen Liebe stehende Gedanken zu finden.
    Ich wünsche ihnen für sie persönlich, für ihre Seelsorgearbeit und ihre Gemeinde den reichen Schutz, Schirm und Segen unseres lieben Vaters.
    Klaus-Peter Ammer
    St.Stephanus, Oppenweiler-Aspach

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