„Aussteigen und spüren, was zählt!

Predigt zum 19. Sonntag im Jahreskreis 2014 – Lesejahr A   (M. Witti)

Das alte Widum in Kaltenbrunn
Das alte Widum in Kaltenbrunn

Meine Lieben,

einfach mal aussteigen, das wünschen sich viele Menschen. Urlaub und Ferien sind dafür oft willkommene Anlässe. Ich hab heuer für mich diese Gelegenheit genutzt! Ich hab meinen Hund ins Auto gesetzt und gemeinsam verbringen wir ein paar Tage hier im Kaunertal. Dabei freut es mich besonders, dass ich das alte Widum hier in Kaltenbrunn – direkt neben dieser wunderschönen Wallfahrtskirche – bewohnen darf. Abseits der großen Straßen, abends in geradezu wohltuender Einsamkeit, kann in hier vorübergehend zum „Aussteiger“ werden…

Von einem „Aussteiger“ erzählt ja auch das heutige Evangelium. Auf den ersten Blick geht es da aber ungleich dramatischer zu. Auf den zweiten Blick jedoch kann man auch Parallelen entdecken zu manchem kleinen Ausstieg, wie wir ihn selber immer wieder erleben. Jesus fordert Petrus dazu auf, im wortwörtlichen Sinne zum „Aussteiger“ zu werden. Auf dem See tobt ein schwerer Sturm. Das Boot der Jünger wird von den Wellen hin und her geworfen. Angst macht sich breit, Todes-ANGST.

Die Wallfahrtskirche Kaltenbrunn
Die Wallfahrtskirche Kaltenbrunn

Doch damit nicht genug: Inmitten des tosenden Wasser sehen sie plötzlich eine Gestalt auf sich zukommen. Blankes Entsetzen packt die Jünger. Sie schreien vor Furcht. Aber es ist Jesus. „Habt Vertrauen… fürchtet Euch nicht!“, ruft er. Die Jünger sind wie versteinert. Sie klammern sich an ihr armseliges Boot und meinen dem sicheren En­de entgegenzugehen. Allein Petrus reagiert auf Jesu Wort. Er will nicht zaghaft in seinen Ängsten verharren. Er wagt das Unglaubliche: Er steigt aus dem sicheren Boot und geht ohne festen Boden unter den Füßen auf Jesus zu. Er verzichtet auf alle vermeintlichen Sicherheiten im festen Vertrauen auf den, der ihn ruft und der ihn dann auch hält, als seine eigenen Kräfte nicht mehr ausreichen…

Der vor kurzem heiliggesprochene Papst Johannes XXIII. hat die­se Szene einst auf sich selbst bezogen. Im Februar 1962 sagte er zu französischen Seminaristen:

Ich bin aus dem Boot ausgestiegen … und ich gehe übers Wasser Christus entgegen, der uns ruft. So muss sich auch die Kirche aus ihren Gewissheiten lösen. Sie muss die Sicherheit des Bootes verlassen und ihrerseits über das Wasser gehen. Es ist Nacht, es ist stürmisch, die Angst ist da. Aber wir dürfen nicht wieder zurück. Die Kirche ist dazu, gerufen sich der Welt zu stellen.“ Johannes XXIII. machte damit Ernst. Am 11. Oktober 1962 eröffnete er mit einer richtungweisenden Rede das 2. Vatikanische Konzil. Er stieß damit die Türen und Fenster der Kirche weit auf, machte Hoffnung und Freude, Trauer und Angst der konkreten Menschen von heute zum innersten Anliegen der Kirche.

Hier spüre ich die Parallele zu meinem kleinen und vergleichsweise gemütlichen „Ausstieg“ hier im Kaunertal. Vielleicht passiert hier sogar etwas Ähnliches mit mir. Vielleicht bricht sich eine ähnliche Überzeugung in mir Bahn, in der wunderbaren Abgeschiedenheit der Berge. Ich kann hier nicht nur ausschlafen und mich ein wenig erholen. Ich darf auch spüren, wie gut es Gott selber mit mir – und mit uns allen – meint. Und ich spüre, wie ich beim Beten und Wandern, beim Schweigen, aber auch beim Ratschen und Lachen mit den Leuten hier, offen werde, wie ich mich selber und auch meinen Gott neu entdecke.

Der heilige Papst Johannes XXIII. hat die Kirche, hat die Christen, hat Dich und mich aufgerufen, das sichere Boot unserer Traditionen und Gewohnheiten zu verlassen, um – mitten im Sturm der Zeit – neu auf Christus zuzugehen. Papst Franziskus fordert uns heute nicht weniger nachdrücklich dazu auf, die bequemen Kirchenbänke und duftenden Weihrauchschwaden hinter uns zu lassen, um Christus bei den Menschen an den Rändern unserer Kirchengemeinden und an den Rändern unserer gutbürgerlichen Wohlstandsgesellschaft neu zu entdecken. Franziskus selber macht es und vor: Er braucht keine extravaganten roten Schuhe und keinen Hermlin. Seine erste Rei­se ging zu denen, die keine Lobby haben, zu den Flüchtlingen auf Lampedusa. Die Messe vom Letzten Abendmahl feiert er im Jugendknast und im Heim für psychisch Kranke. Den längst vergessenen, den ärmsten Teufeln, erweist er dort den Liebesdienst der Fußwaschung.

 

Meine Lieben,

eines wird mir hier, in der wohltuenden Stille von Kaltenbrunn immer klarer: Wenn ich mich wirklich auf den Weg Jesu machen will, wird es mir ergehen wie dem Petrus. Ich muss dann zum „Aussteiger“ werden – und das nicht nur in den vermeintlich „schönsten Wochen des Jahres“.

Amen.

Blick aus dem Fenster
Blick aus dem Fenster

 

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