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„Dankbar sein…“

Predigt zum Erntedankfest 2014 (Pfarrer Michael Witti)

DSC_1849Meine Lieben,

„Ich bitte dich für die Menschen: Hilf ihnen, dass sie dankbar sind für das, was sie haben…“ – Nein, diese Fürbitte stammt nicht von einer x-beliebigen Arbeitshilfe für das Erntedankfest. „Ich bitte dich für die Menschen: Hilf ihnen, dass sie dankbar sind für das, was sie haben…“ – Dieses kurze Gebet stammt von einem Jugendlichen, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, aus Brasilien. Er gehört dort zu den „menores“, zu den Kleinen, Unterpriveligierten, zu den Straßenkindern, die auf sich allein gestellt Tag für Tag ums Überleben kämpfen in einer Welt, die wir uns nicht vorstellen können. Er hatte nichts: keine familiäre Unterstützung, keine Ausbildung oder Arbeit, kein Dach über dem Kopf. Aber er hatte Glück. Er kam in das Dorf für Straßenkinder, das der Passauer Priester Gerd Brandstetter mühevoll aufgebaut und mit Spendengeldern finanziert hat. Immer wieder hat er mir im Laufe der Jahre von seiner Arbeit erzählt.

„Ich bitte dich für die Menschen: Hilf ihnen, dass sie dankbar sind für das, was sie haben…“ – Wenn ein Kind aus den Slums so betet, kann ich nur beschämt sein, weil ich spüre, wofür ich in meinem gepflegten Wohlstand oft blind bin.

Dieser Jugendliche, der in unseren Augen und nach unserer oft so materiell geprägten Einschätzung wohl eher ein „Habenichts“ ist, hat erkannt, was der innerste Kern den heutiges Festes und eines Lebensstils im Sinne Jesu ist: Was wir sind und haben, ist Geschenk, ist Gottes Gabe, die er uns anvertraut hat.

In den alten Erzählungen der Genesis wird das anschaulich gemacht. Der Mensch soll als Ebenbild Gottes an der Schöpfung mitarbeiten. Gott übergibt ihm seine Schöpfung, damit er sie verantwortlich pflegt und gestaltet.

In unserer abendländischen Kultur ist daraus aber das Bewusstsein entstanden, dass sich der selbst nur geschaffene Mensch über die Schöpfung erheben könne, dass nur noch das technisch Machbare das Maß und die Grenze allen Handelns sei. Aber – und das zeigen uns viele Entwicklungen der letzten Zeit – wir können nicht auf Dauer gegen und auf Kosten der Schöpfung leben, sondern müssen wieder lernen, die Gaben der Natur nachhaltig für uns, für alle Menschen und für die kommenden Generationen zu nutzen und zu erhalten.

Aber wir planen und handeln im Blick auf schnelle Profite meist so, als ob nie und nimmer unsere Pläne durch irgendetwas durch­kreuzt werden könnten.

Viele Probleme, die uns im Zuge der Globalisierung und der Verelendung von Millionen von Menschen heute plagen, kommen auch daher, dass wir GOTT aus unserer Welt aussparen, ihn sozusagen in den heimischen „Herrgottswinkel“ verbannen, wo er ja gut aufgehoben scheint. Allzu groß ist oft die Versuchung, den Wohlstand und die materiellen Güter zum Sinn des Lebens zu machen. Gerade das aber macht uns angreifbar, denn wenn diese materiellen Dinge gefährdet sind, bricht dann oft auch unsere innere Lebensgrundlage zusammen. Wer nur auf seinen Besitzt hofft, wird hoffnungslos, wenn sein Wohlstand bedroht ist.

 

Schwestern und Brüder,

ein Gedanke durchzieht die ganze Bibel: Der Mensch ist nur der Verwalter der Schöpfung Gottes. Das heißt aber auch: Nichts Geschaffenes gehört ihm letztlich. Alles ist zum Wohle aller geschaffen und daher soll der Mensch, gleich einem guten Bauern, so wirtschaften, dass alle Menschen, dass auch nachfolgende Generationen noch leben können. Das Evangelium hat es uns ja drastisch vor Augen geführt: Nicht das krampfhafte Festhalten an Erworbenem führt den Menschen zur Freiheit, sonder die Haltung, sich immer wieder neu beschenken zu lassen und verantwortlich mit allen Gütern umzugehen.

Diese Haltungsänderung fordern wir ja auch ständig, von der Gesellschaft, von der Politik, von der Wirtschaft und auch von der Kirche. Aber wir werden nichts erreichen, wenn wir nicht selber anfangen im eigenen Leben umzudenken.

„Ich bitte dich für die Menschen: Hilf ihnen, dass sie dankbar sind für das, was sie haben…“ – Die schlichte Fürbitte jenes Jugendlichen aus dem Straßenkinderdorf in Brasilien hat mir gezeigt, dass es auch anders geht, dass ich auch anders auf diese Welt, auf die Geschenke der Schöpfung und auf die Menschen schauen kann. Ich muss nur die Dankbarkeit neu entdecken, um eine neue Einstellung zu den Gaben dieser Welt und zu den Menschen dieser Welt zu bekommen.

Mich begleitet diese Fürbitte auch am heutigen Erntedankfest. Dieser Jugendliche stellt mich so in Frage – und er bringt mich auf die Frage, die vielleicht die alles entscheidende ist:

„Mensch, was ist wirklich wichtig in deinem Leben?“

Amen.

(Foto: Limmer)

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