„Ist Barmherzigkeit lebbar“ – Predigt 4. Fastensonntag 2016 „Laetare“

116_0432Liebe Schwestern und Brüder,

ich kann den älteren Bruder schon verstehen. Ich kann mir schon denken, wie es ihm geht, als er merkt, welchen Zirkus alle um seinen nichtsnutzigen Bruder machen. Und nun, wo er endlich einmal auf die Schnauze gefallen ist, wo er gemerkt hat, dass nicht immer alles so läuft, wie er es will, nun ist er wieder der liebe Bub. Nun verhätscheln ihn wieder alle, so als wäre gar nichts gewesen. Das geht doch nicht… Er, der Ältere, versuchte immer der Sohn zu sein, auf den sein Vater stolz sein konnte. Sicher, der Vater sah das schon und war offenbar zufrieden mit ihm, aber mit dem Kleinen, diesem faulen und verzogenen Kerl, da konnte er nie mithalten. Der Kleine war immer schon der Liebling aller…

Ich kann verstehen, wie der Ältere sich fühlen mag. Ich kann mir vorstellen, was ihm durch den Kopf geht: „Bin ich blöd? Ist denn alles, was ich tue, nichts wert? Sind denn all meine Bemühungen sinnlos? Ich will gut sein, ich versuch mein Bestes zu geben, aber der Vater liebt den Nichtsnutz, den Sünder, mehr, nur weil er sagt: Es tut mir leid…“

Diesen Vatergott verkündet Jesus. Er spricht von einen Gott, der die Frommen, der jene, die sich bemühen, seine Gebote und Vorschriften penibel zu befolgen, mitunter vor den Kopf stößt. Er spricht von einem Gott, der zwar Gesetze und Ordnungen erlässt, der dann aber, wenn es drauf ankommt, seine eigenen Gebote, seine Ansprüche an den Menschen, über Bord zu werfen scheint. Denn dann reicht es scheinbar, wenn einer sagt: „Es war falsch. Es tut mir leid!“

Jesus hat mit diesem Gleichnis vom barmherzigen Vater, die Frommen seiner Zeit provoziert – und er provoziert damit bis heute auch wenn wir derzeit das Heilige Jahr der Barmherzigkeit feiern. Der Gott, den Jesus verkündet, ja, der in Jesus selber Mensch geworden ist, ist ganz anders, als wir Menschen uns Gott oft vorstellen. Gott hat jedem Menschen Freiheit geschenkt. In dieser Freiheit kann und soll jeder Mensch sein Leben gestalten, soll und kann jeder sein ganz persönliches Glück suchen und hoffentlich auch finden. Dabei will Gott dem Menschen schon helfen bei dieser Suche. Er will bei ihm sein, in seiner Sehnsucht nach Glück. Aber Gott zwingt niemanden, seinen Weg zu gehen. Er lädt mich nur ein, gibt mir sein Wort, wartet voll zärtlicher Sehnsucht auf meine Antwort. Gott ist wie ein guter Vater und eine liebende Mutter. Weil ich das glauben kann, weil mir das für mein Leben unendlich wertvoll geworden ist, hab ich versucht, mich in meinem Leben auf diesen Gott einzulassen.

Ich habe diesen Gott wohl gespürt, als ich damals, am 1. Juli des Jahres 2000, im Hohen Dom zu Passau vor dem Altar ausgestreckt am Boden lag. Ich habe diesen Gott wohl gespürt, als mir dann Bischof Eder schweigend die Hände aufgelegt und mich zum Priester geweiht hat, zu einem, der den Menschen von heute eben diesen barmherzigen Gott verkünden und nahe bringen soll. Nicht alle haben mich damals verstanden, manche verstehen mich auch heute noch nicht. Gute Freunde, liebe Menschen, fragen mich immer wieder, ob das in der Kirche von heute mein Weg sein kann und wie ich im Namen dieser Kirche von einem Gott sprechen kann, der wie ein guter Vater und eine liebende Mutter ist? Die, die mich so fragen, meinen es nicht böse, im Gegenteil. Sie kennen mich, mögen mich, aber sie sehen eben auch vieles, das für sie nicht zusammenpasst. Sie provozieren mich damit im besten Sinne und vielleicht soll ich aus ihren Fragen heute die Stimme Jesu heraushören, der mich auch bewusst so provozieren will. Vielleicht fragt ER selber mich heute – durch diese Menschen:

Wie gehst du um, mit Menschen, die anders sind? Wie gehst du um, mit Menschen, die nicht deinen Vorstellungen entsprechen? Wie gehst du um, mit Menschen, die gescheitert sind, die schuldig geworden sind, die von vielen als Außenseiter, Verbrecher, Abschaum angesehen werden? Wie gehst du um, mit Menschen, die jene Gebote nicht halten können, die du selber doch in deiner Kirche so hoch hältst? Wie gehst du um mit Menschen, deren Ideale anders sind, als die deinen, oder die an deinen vermeintlich hohen Idealen scheitern müssen? Wie gehst du um, mit Menschen, die Sünder sind, Sünder, so wie du selber es auch oft genug bist? Bist du selber denn barmherzig?

Schwestern und Brüder,

es ist wichtig, dass mich Menschen immer wieder so in Frage stellen. Es ist wichtig, dass Menschen auch die Kirche immer wieder so in Frage stellen. Es ist wohl Jesus selbst, der uns alle hier provoziert, weil er uns im eigentlichen Sinne des Wortes herausrufen will, aus unserer eigenen Engstirnigkeit und Verbohrtheit. Gott ist wie ein guter Vater und eine liebende Mutter. Die selige Mutter Theresa von Kalkutta, die ein Leben lang versucht hat, diese Liebe Gottes auch für die Ärmsten der Armen spürbar zu machen, wurde einmal gefragt, was sich denn an der Kirche ändern müsse. Sie antwortete darauf: „Du und ich!“

Amen.

(Text: Witti/Foto: Limmer)

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