Nikolaus statt Weihnachtsmann

Predigt zum 2. Adventssonntag 2014 – Pfarrer Michael Witti

weihnachtsmannfreiLiebe Brüder und Schwestern,

„Weihnachtsmannfreie Zone“ – diese Aktion des Bonifatiuswerkes der Deutschen Katholiken erfreut sich auch in unserem Raum großer Beliebtheit. Ich war dieser Tage echt überrascht, wie immer wieder Menschen in Geschäften nach „echten“ Schoko-Niko­äu­sen mit Mitra und Bischofsstab gefragt haben. Was in Österreich selbstverständlich angeboten wird, ist bei uns in Bayern leider nur in wenigen Geschäften oder über kirchliche Organisationen zu haben. Für mich ist da bei einigen Gesprächen in den Geschäften ein Teil meiner eigenen Kindheit wieder zurückgekehrt: der „wirkliche, echte“, heilige Nikolaus, den ich heute nicht weniger bewundere, als ich es in Kindertagen getan habe. Daher lohnt es sich für mich wirklich, bei Nikolaus und Weihnachts­mann einmal etwas genauer hinzuschauen:

Der Weihnachtsmann ist eine Werbefigur, die sich aggressiv ausbreitet, an Häuserfassaden hochklettert, aber mit dem bayerischen Advent nicht das Geringste zu tun hat. Er hat zwar Anregungen vom hl. Nikolaus empfangen, z. B. die Geschenke für die Kinder. Seine Ursprünge gehen aber zum Teil in die vorchristliche nordische Sagenwelt zurück und man vermutet, dass er etwas mit dem germanischen Gott Thor zu tun hat. Der heute populäre Mythos des Weihnachtsmanns, der mit einem von Rentieren gezogenen fliegenden Schlitten reist, heimlich durch den Kamin in die Häuser steigt und dort die Ge­schenke verteilt, war einst gutes norddeutsch-protestantisches Brauchtum. Aber dann bemächtigte sich ein norwegischer Grafiker seiner, der 1931 für die Coca-Cola Company im Rahmen einer Werbekampagne den Weihnachtsmann zeichnete in den typischen CocaColafarben weiß-rot. Er zeichnete jedes Jahr bis 1966 mindestens einen Weihnachtsmann für die Coca-Cola-Werbung und prägte nachhaltig die Vorstellung dieses „modernen“ Weihnachtsmannes. Diese Werbung für CocaCola erwies sich als sehr gewinnbringend. Der heutige Weihnachtsmann ist also eine rein kommerzielle Werbefigur. Es geht letztlich nur ums Geschäft. Entsprechend hat die Figur auch abgehaust und wird in einem Zeitungsartikel nur noch beschrieben als „ein pausbäckiger Wichtel mit Säufernase, Rauschebart, Strampelanzug und Gartenzwerghaube“. Wenn man daher zu jemandem sagt: „Du bist ein Weihnachtsmann“, so wird der betreffende kaum begeistert sein.

Der heilige Nikolaus dagegen ist keine Sagenfigur, sondern es hat ihn wirklich gegeben. Heute/Gestern am 6. Dezember feiern die Christen sein Fest. Der legendäre Nikolaus ist allerdings wohl eine Verschmelzung aus zwei historisch belegten Personen: dem Bischof Nikolaus von Myra im kleinasiatischen Lykien, der wahrscheinlich im 4. Jahrhundert gelebt hat, und dem gleichnamigen Bischof von Pinora, der am 10. Dezember 564 in Lykien starb. Aus diesen beiden historischen Personen entwickelte sich in der Überlieferung ab dem 6. Jahrhundert die Figur des wundertätigen, großherzigen Bischofs von Myra. Lykien ist übrigens eine Landschaft in der heutigen Türkei. Und es gab damals dort christliche Bischöfe, weil es bis zum Jahr 1000 ein rein christliches Land war. Heute werden Christen dort immer noch benachteiligt und in ihren Rechten beschnitten, obwohl das Land Teil der EU werden will. Man kann nur hoffen, dass der jüngste Besuch von Papst Franziskus dort die Weichen für echte Religionsfreiheit stellen hilft. Von Nikolaus werden v. a. zwölf Taten und Wunder erzählt. Nur eines davon möchte ich kurz darstellen, weil es exemplarisch zeigt, was den hl. Nikolaus vom dümmlichen Kom­merz-Weihnachtsmann unterscheidet. Es ist die gar nicht so bekannte Geschichte der drei wandernden Schüler: Drei Schüler auf Wanderschaft nehmen in einem einsam gelegenen Hause Herberge. Der Wirt, der bei den Schülern Schätze vermutet, ermordet sie mit Hilfe seiner Frau in der Nacht. Da kommt der hl. Nikolaus in der Gestalt eines Bettlers, bittet um Unterkunft und überführt die Schuldigen ihres Verbrechens. Die Schüler aber werden wieder zum Leben erweckt. Gerade durch diese Legende ist der hl. Nikolaus zum Kinderheiligen und Schenkenden geworden. Hinter dieser Geschichte steht wahrscheinlich die Erfahrung, dass sowohl in alten Zeiten, aber auch bis ins 19. Jahrhundert hinein, Kinder schon in sehr jungen Jahren aus dem Hause geschickt wurden, damit sie selber für ihren Lebensunterhalt sorgten. Dabei aber waren sie vielerlei Gefahren ausgesetzt. In einem christlichen Europa wird allein schon der Glaube an einen wundermächtigen hl. Ni­ko­laus, der die Kinder behütet, vielen Verbrechen vorgebeugt haben.
Meine Lieben,

so wurde der hl. Nikolaus 1500 Jahre lang als der Kinderfreund und eine Vorbildfigur für gutes menschliches Zusammenleben. Auch die anderen Adventsbräuche wie Barbarazweige, Frauentragen, Adventsingen, Adventkranz, schufen eine menschliche Atmosphäre. Muss das alles nun im Advent zugrunde gehen, weil wir heute multimedial ohnehin so gut unterhalten sind? Müssen wir gedankenlos jeden konsumorientierten Unfug automatisch auch „cool“ finden und übernehmen? Ich denke, wir sollten lieber neu lernen, unsere eigene Kultur und Tradition zu schätzen und sie unseren Kindern weiterschenken. Der Weihnachtsmann mag für Kommerz und klingelnde Kassen in diesen Tagen stehen. Der hl. Nikolaus aber kann uns helfen, das kostbarste des eigentlichen wiederzuentdecken: die Botschaft der Liebe und der Menschlichkeit, ohne die es nicht Weihnachten werden kann.

Amen.

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