Palmsonntag: Jubel und Kreuz – gerade heute unbegreiflich

Predigt zum Palmsonntag 2015 – Pfr. Michael Witti

Foto: Wanderscheid/pfarrbriefservice.de
Foto: Wanderscheid/pfarrbriefservice.de

Meine Lieben,

eben noch ausgelassener Jubel, schier grenzenlose Freude, dann in aller Brutalität das Kreuz. Dieser Gegensatz, den man nicht wahrhaben will, prägt jedes Jahr wieder den Palmsonntag. Dabei möchte ich doch viel lieber in Gedanken bei den bunten Palmbuschen, beim Esel und den Freudenrufen bleiben.

Eben noch ausgelassener Jubel, schier grenzenlose Freude, dann in aller Brutalität das Kreuz. Heuer schmerzt mich dieser Gegensatz noch mehr, als in vergangenen Jahren. Meine Gedanken gehen heute zu vielen Menschen, die gerade in diesen Tagen diesen grausamen Gegensatz, dieses brutal hereinbrechende Kreuz erleben müssen.

Am vergangenen Dienstag haben sich viele ausgelassen gefreut:

16 Schülerinnen und Schüler des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern freuten sich auf die Heimreise. Sie wollten daheim erzählen, was sie beim Schüleraustausch in Spanien erlebt hatten.

Spieler eines schwedischen Drittligavereins, in dem Einwanderer gemeinsam Fußball spielen, saßen im gleichen Flugzeug. Sie kamen vom Trainingslager, lachten, scherzten, freuten sich auf Freunde und Familien. Erst in letzter Minute hatten sie auf diesen Flug umgebucht.

Ein Elternpaar aus Meerbusch saß im Flieger und freute sich, bald die beiden schulpflichtigen Kinder wiederzusehen.

Der Bassbariton Oleg Bryjak und die Alt-Sängerin Maria Radner mit Mann und Kind freuten sich im Flieger über ein gelungenes Gastspiel in Barcelona.

Eine Reihe von Geschäftsleuten großer Konzerne war auf der Heimreise und freute sich schon auf die bevorstehenden Feiertage.

Auch die Crew hatte sicher schon Pläne, was man der Landung daheim noch machen wollte.

Daheim freuten sich viele darauf, die 150 Menschen in diesem Flugzeug wiederzusehen, wieder in die Arme zu schließen. Dazu gehören sicher auch die Angehörigen des Co-Piloten, die sich vielleicht schon Sorgen gemacht haben um den Sohn, den Freund, einen Menschen, der einem nahe steht.

All diese Freude, der Jubel, das Lachen war mit einem Schlag aus. Über all diese Menschen – und unzählige andere, die sich heute mit ihnen verbunden fühlen – brach von einem Moment auf den anderen in aller Brutalität das Kreuz herein, als der Flug 4U 9525 von den Radarschirmen verschwand.

 

Meine Lieben,

seither überschlagen sich die Nachrichten. Details werden bekannt, neue Sicherheitskonzepte werden diskutiert. Allein die Trauer und der Schmerz bleiben grenzenlos.

Trotz all der fieberhaften und hochprofessionellen Untersuchungen, trotz der schier übermenschlichen Anstrengungen der 600 Fachleute, die in unzugänglichem Gelände menschliche Leichen und Wrackteile bergen, werden wir wohl nie eine wirkliche Antwort auf die größte aller Fragen bekommen: „Warum?“

Warum werden Freude und Jubel so plötzlich, so brutal vom Kreuz durchbrochen? Ich weiß es nicht…

Ich weiß heute nur um einen, der das einst selber in Jerusalem am eigenen Leib erfahren hat. ER ging nach dem Jubel in den brutalen Tod – und ER ging weiter, ins Leben, das bleibt.

ER verspricht heute Dir und mir – und all den Menschen, die in diesem Tagen unter brutalen Kreuzen leiden:

ICH BIN BEI DIR!

Amen.

 

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