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„…nun mach ich etwas neues… Merkt ihr es nicht?“ – Bauernwallfahrt 2019

Die Predigt von Pfarrer Michael Witti anlässlich der Bauernwallfahrt nach Altötting vom 7. April 2019 in der Basilika „St. Anna“ im Wortlaut:

Meine Lieben,
„Die da draußen auf dem Land, die wollen uns alle vergiften…“ – Die Stimme der nicht mehr ganz so jungen Münchner Dame überschlug sich fast vor Aufregung, als sie das vor laufender Kamera in ein Mikrofon des Bayerischen Rundfunks rief.
Ich habe dieses Bild immer noch vor Augen. Es schmerzt mich, weil es zeigt, mit wie viel Verachtung, Häme und auch Unwahrheiten die bäuerliche Landwirtschaft in letzter Zeit pauschal verdammt wurde.
In echter Sorge hat mich wenig später eine engagierte Bäuerin aus meinem Pfarrverband angerufen. „Wie soll das denn weitergehen?“, frage sie mich. In großer Verantwortung für die Heimat und die Natur mit all unseren Mitgeschöpfen versuchen sie ihren Betrieb zu führen und an die nächste Generation weiterzugeben. Wie schmerzlich und verletzend da solche Pauschalisierungen sind, das könnt Ihr alle, noch besser als ich, nachfühlen.
Ein engagierter Landwirt mit seiner Familie, der bewusst ökologisch wirtschaftet, hat mich wenig später gebeten: „Bitte komm nicht mit dem Kamerateam auf unseren Hof, Es gibt derzeit so viele Vorwürfe und so viel Hass, da möchte ich das nicht…“ – Ich konnte die Familie gut verstehen.
Das Grundanliegen vieler Menschen in unserm Land ein starkes Zeichen für den Natur- und Artenschutz zu setzen, ist ja von allen Seiten unbestritten etwas sehr Positives.
Aber wenn in Europa und weltweit immer mehr populistische Strömungen einfache Lösungen innerhalb eines simpel gestrickten schwarz-weißen Weltbildes anbieten – und wenn immer mehr Menschen, diesen einfachen, aber höchst gefährlichen Parolen zu folgen bereit sind, dann passiert eben genau so etwas.
Komplexe Probleme werden – zumindest in Teilen der Bevölkerung – nicht mehr diskutiert. Stattdessen bilden sich Fronten. Statt Argumente auszutauschen, bewirft man sich mit Polemik und Vorwürfen. Man schürt Stimmungen, statt Probleme anzupacken. Auf der Strecke bleibt dann – wie so oft – das eigentlich wichtige und dringliche Sachthema.
Die Einigung der politisch Verantwortlichen in Bayern am vergangenen Mittwoch, das Problem des Artensterbens in großer Gemeinsamkeit und in möglichst breitem Konsens nun anzugehen, ist für mich persönlich zumindest ein Hoffnungszeichen. Aber es kann auch nur ein Anfang sein.
Es war beeindruckend, dass gut 1,7 Millionen Menschen in Bayern mit ihrer Unterschrift ein Zeichen für Natur- und Artenschutz gesetzt haben.
Aber weiterhin fährt man mit dem SUV am Morgen die 500 Meter zum Bäcker und mit den Kindern den Kilometer zur Schule. Allerorten stehen die Mähroboter schon wieder in den Startlöchern bürgerlicher Vorgärten, damit nur ja kein Gänseblümchen das Ideal des Golfrasens zunichtemacht. Kiesgärten, die in all ihrer Hässlichkeit zumindest keine Arbeit machen, werden immer beliebter. Am Einkaufsverhalten im Blick auf Regionalität und Nachhaltigkeit hat sich nichts spürbar verändert. „Geiz“ ist weiterhin für viel zu viele nur noch „geil“.
Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir heute hier sind! In allem Ärger, in allen Zukunftsängsten, aber auch in allen Hoffnungszeichen dieser letzten Tage und Monate ruft uns heute in der Ersten Lesung der Prophet Jesaja ein Wort zu, das uns gute Wege zeigen kann:
„Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues.
Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“
Statt Fronten aufzubauen, einfache Lösungen und billige Parolen zu propagieren, braucht es diesen doppelten Mut, zum dem Jesaja uns hier einlädt.
Es braucht einerseits den Mut all den Ärger, all die Verletzungen, all die Verunglimpfungen, die es im hitzigen Streit und in vielen allzu vereinfachenden Darstellungen auf allen Seiten gegeben hat, nun bewusst zurück zu lassen.
„Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr!“
Und es braucht den Mut, gemeinsam auch mit denen, die anderer Meinung sind, die Ihre Betriebe anders führen, die die Interessen anderer Gruppen vertreten, nach vorne zu schauen. Die Offenheit, die irgendwie ja in der Bevölkerung da ist, gilt es nun gemeinsam für eine gute Zukunft zu nützen, damit den Unterschriften auch in der breiten Bevölkerung Taten folgen.
„Sieh, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“

Meine Lieben,
Versöhnung mit dem Vergangenen und Mut für die Zukunft, das wünsche ich Euch. Das wird möglich, wenn wir unsere eigenen Wurzeln nicht vergessen, die uns dazu Halt und Kraft geben wollen.
Wo diese Wurzeln schon seit vielen Generationen liegen und was sie uns heute noch geben können, davon will ich jetzt nicht mehr lange reden. Vielmehr lade ich Euch ein, dass wir gemeinsam auf einen schauen, der hier im Norden unseres Bistums Passau vor rund 1000 Jahren den Menschen diese Wurzeln des Glaubens, der Versöhnung und den Mutes für die Zukunft geschenkt hat…

(Im Anschluss spielte Martin Winklbauer einen szenischen Einblick in das Leben des Hl. Gunther.)

(Fotos: Roswitha Dorfner)

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