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Barmherzigkeit im Sinne Jesu – Predigt zum 5. Fastensonntag 2019 – C

Es wusste doch jeder, was das für eine war. So eine passte nicht in ein anständiges Dorf. Geschickt hat sie den ach so braven Ehemann verführt. Der wäre allein doch nicht auf so eine Idee gekommen. Sie war schuld! So eine hat hier nichts verloren.
Das Gesetz sagt klar, was zu tun ist. Sie gehört hinausgetrieben. Jeder nimmt sich einen Stein und wirft ihn auf sie, so lange, bis das Weib sich nicht mehr rührt.
Das ist recht und billig. Nur so kann die Ehre des Mannes wiederhergestellt werden. Sie hat ihn verführt. Sie hat ihm Schande bereitet. Sie allein ist schuld…
Und genau da kommt dieser Rabbi daher. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein…“
So geht das doch nicht. Das Gesetz steht doch auf unserer Seite, das Gesetz, das weise Männer einst so ausformuliert und uns überliefert hatten…
Wer ist schon ohne Sünde? Aber ich bin doch im Recht! So geht das doch nicht…

Meine Lieben,
die Erzählung von Jesus und der Sünderin ist provokant, bis heute, zumindest wenn man sie ernst nimmt.
Wie oft weiß nicht auch ich, dass ich im Recht bin, hundertprozentig? Und dieses Recht muss ich dann auch durchsetzen, koste es, was es wolle. Recht muss doch schließlich Recht bleiben, oder?
Aber geht es mir dann wirklich ums „Recht“, oder nicht vielmehr oft nur ums „Rechthaben“ und „Recht bekommen“?
Jesus verabscheut diese „Rechthaberei“. Er will etwas anderes:
Barmherzigkeit, Neuanfang, Leben…

Aber ich habe doch Recht! Ich weiß, wie das läuft bei den Nachbar, bei den Kollegen, beim Chef, bei „denen da droben“ die sich Politiker nennen, ja, auch bei der Kirche…
Ich weiß genau, wie verlogen und geheuchelt vieles ist – immer bei den anderen. Was will da dieser Jesus von mir? Was will da seine Kirche von mir, die lieber erst einmal vor ihrer eigenen Türe kehren sollte?

Lothar Zenetti, der Priester und Dichter, der heuer im Februar gestorben ist, gibt mir mit einem Gedicht eine Antwort:

Ich habe durchaus
an der Kirche, so wie sie ist,
einiges auszusetzen:

Ich fürchte indessen,
der Kirche geht es, was mich
betrifft, nicht viel anders.

Gut, dass die heilige Kirche
zwar göttlichen Ursprungs,
aber zugleich eine
überaus menschliche
Kirche der Sünder ist.

So ist immer noch Platz,
auch für Leute wie mich.
Und ich finde hier,
wonach ich am meisten
verlange: Erbarmen.
Und Gottes unbegreifliche
Gnade.1

Amen.

1 Aus: Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Worte der Zuversicht. Matthias Grünewald Verlag, Mainz 2006.

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