„Ich will es, werde rein“

Predigt zum 6. Sonntag im Jahreskreis 2015 (Pfr. M. Witti)

0006Meine Lieben,

„Komm mir bloß nicht zu nahe!“ – Ganz egal, wie aggressiv dieser Satz auch gesagt wird, dahinter steckt letztlich immer die ANGST. Ich will jemanden nicht an mich heranlassen; habe Angst, dass er mich einengen, mir gar etwas antun, oder mir nur mir ein Stück Freiheit und Lebensqualität nehmen möchte. „Komm mir bloß nicht zu nahe!“ – Das heißt auch: „Mit dir will ich nichts zu tun haben! Du bist kein Teil meines Lebens!“

Solch harte Worte können durchaus ihren Sinn haben. Manch­mal ist es wichtig, vielleicht sogar lebenswichtig, so einen klaren Trennungsstrich zu ziehen. Das zeigt etwa das aktuelle Ringen um eine entmilitarisierte Zone zwischen den Kriegsparteien der Ukraine.

Zur Zeit Jesu war das so, wenn es um die furchtbare Krankheit Lepra, also den biblischen „Aus­satz“, ging. In der ersten Lesung aus dem Buch Levitikus haben wir gehört, wie die Leprakranken untersucht und dann auch von der Gemeinschaft strikt ausgesondert wurden. Die Erkrankten mussten sogar eine Klapper oder eine Schelle immer bei sich tragen, damit sie jeden, der in ihre Nähe kam, auf sich aufmerksam machen konnten, damit Gesunde ihnen fern blieben. Das war damals der einzig mögliche Schutz vor dieser Krankheit.

Aber was macht dann Jesus? – Ihn interessiert dieses Gesetz zum Schutz der Allgemeinheit offenbar nicht. Er lässt den Kranken an sich heran. Das ist riskant für ihn und für andere. Er, der Tag für Tag mit so vielen anderen zu tun hat, könnte so zu einem Infektionsherd dieser unheilbaren ansteckenden Krank­heit werden. Aber ich wage – bei genauerer Betrachtung – dann doch eine riskante Behauptung: Jesus hat das mosaische Gesetz zum Schutz der Gemeinschaft, nicht gebrochen, er hat es vielmehr erfüllt! Um das zu verstehen, muss man etwas grundsätzlicher fragen:

Welchen Sinn MUSS denn ein Gesetz IMMER haben?

Im biblischen Kontext gilt da unumstößlich: Ein Gesetz muss IMMER das Leben schützen und fördern. Die Ausgrenzung der Aussätzigen erfüllt diese Forderung durchaus. Das Leben der Gemeinschaft wird geschützt. Aber wenn wir im alttestamentlichen Buch Levitikus über den heutigen Lesungstext hinaus weiterlesen würden, dann würden wir auch finden, dass jemand, bei dem diese Krankheit wider Erwarten abklingt, auch wieder vom Priester in die Gemeinschaft aufgenommen werden kann.

Jesus erfüllt also das uralte mosaische Gesetz, das letztlich besagt: Auch ein Ausgegrenzter, darf nie ganz den Schutz der Gemeinschaft verlieren. Auch für jene an den Rändern ist die Gemeinschaft verantwortlich. Das eigentliche Ziel des Gesetzes ist also niemals ausschließlich der Bruch, sondern immer die mögliche Rückkehr in die Gemeinschaft. Jesus bricht dieses Gesetz nicht, sondern er korrigiert vielmehr dessen unbarmherzige, unmenschliche und damit eigentlich ja auch ungesetzliche Auslegung, die rein auf menschlicher Angst basiert. Der Kern des Gesetzes ist also immer auch der Schutz des einzelnen innerhalb und auch vor der Gemeinschaft. Der Bruch und die Ausgrenzung sind immer nur extreme letzte Ausnahmen, die es immer wieder zu hinterfragen und überprüfen gilt.

 

Meine Lieben,

was aber ist dieses Gesetzesverständnis Jesu in unserer heutigen Gesellschaft noch wert? Was ist heute mit Menschen, die isoliert in psychiatrischen Kliniken oder Gefängnissen verschwinden, denen ein lebenslanger Stempel aufgedrückt wird? Was ist mit den angeblich so unumstößlichen wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, die in aller Welt dafür sorgen, dass wenige immer reicher werden und immer mehr Menschen weniger haben? Die Statistik zeigt ebenso, wie ein Blick in unsere vier Kindergärten, dass auch in Bayern Kinder ein Armutsrisiko sein können, dass Alleinerziehende ebenso abzurutschen drohen, wie viele Rentner, die ein Leben lang gearbeitet haben, oder wie viele Arbeitnehmer deren unmoralische Dumpinglöhne das Überleben längst nicht mehr sichern können.

Aber auch unsere Kirche ist hier von Jesus angefragt und wir alle in ihr: Wie gehen wir um mit Menschen, die gescheitert sind? Ich denke an jene, die ihr Leben dem kirchlichen Dienst geweiht haben, aber nicht die Kraft hatten, diesen Weg in den Höhen und Tiefen des Lebens durchzuhalten. Ich denke an jene, die – auch hier in unserer Pfarrkirche – voller Liebe und Zuversicht den Bund fürs Leben unter den Segen Gottes gestellt haben, die dann aber gescheitert sind, sich keineswegs leichtfertig getrennt haben, aber dann auch die Einsamkeit des Alleinseins nicht aushalten?

Hier wird Jesu Handeln am Aussätzigen zur konkreten Herausforderung für uns. Jesus weiß um den Wert des Gesetzes, das auch den Ausschluss zum Wohle aller kennt. Aber er zeigt auch überdeutlich das, was nur der begreift, der das Gesetz und die Bibel nicht nur auszugsweise, sondern ganz liest und befolgt. Die Hand Jesus weist nicht ab. Sie ist ausgestreckt für alle. Jeder darf sie ergreifen! Aber dürfen das die Menschen hier bei uns und durch uns auch heute noch spüren?

Amen.

(Foto: Limmer)

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